Toni Kroos - Weltkarriere fernab von München
Ja, Toni Kroos ist zurückgetreten. Aber die Wertschätzung vieler Fachleute, welche Bedeutung er hatte, scheint mir seither ständig noch grösser zu werden. Der Anspruch von Bayern München ist es, die besten Spieler Deutschlands zu erkennen und im Verein zu binden. Beides hat bei Toni Kroos nicht hingehauen.
Erst Jupp Heynckes, dann Pep Guardiola
Als Toni Kroos im Sommer 2013 unter Pep Guardiola in die neue Saison geht, läuft sein Vertrag bei Bayern München noch zwei Jahre. Die Mannschaft hat gerade unter Heynckes das historische Triple (Meisterschaft, Cup, Champions League) gewonnen und Pep Guardiola, der sich nicht scheut, auf dem maximalen Höhepunkt zu übernehmen, möchte mit Kroos weitermachen. Mit dem Systemwechsel unter Guardiola wird Kroos sportlich immer unverzichtbarer, doch die Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung bleiben zäh. Der Verein betont öffentlich seine Wertschätzung, mahnt aber gleichzeitig an, die Gehaltsstruktur nicht zu sprengen und vor „überzogenen Forderungen“ zu kapitulieren. Das Bild, das da von Kroos von Vereinsseite in der Öffentlichkeit subtil retouchiert wird, kann dem Spieler nicht gefallen. Kroos kennt seinen Beitrag zur Entwicklung dieser Mannschaft – und er weiss, was ähnlich eingestufte Nationalspieler wie Mario Götze im gleichen Kader verdienen. Die Hierarchie sieht für Kroos, der aus der eigenen Jugend kommt, über Bayern II nach Leverkusen verliehen und dann zurückgeholt wurde, in der Hierarchie und damit im Gehaltsgefüge nicht die Rolle vor, in welcher sich Kroos aber ständig neu beweist. An der Säbener Strasse scheinen sie nicht wirklich zu verstehen, welches Juwel sie da vor sich haben.
Die entscheidende Gesprächsrunde zwischen Klubführung und Berater verläuft dann erstaunlich kurz.
Aus der Rückschau entsteht das Bild eines Termins, bei dem nicht mehr ernsthaft um Annäherung gerungen wird, sondern zwei festgefahrene Positionen aufeinandertreffen. Bayern markiert eine klare Obergrenze und damit implizit auch Kroos’ Status: Du bist wichtig, aber nicht unantastbar, gut, aber nicht „Weltklasse“ (kolportierte Einschätzung von Rummenigge, wie Mitspieler Stefan Reinartz später öffentlich erzählte).
Kroos und sein Umfeld lesen daraus eine Botschaft, die über Zahlen hinausgeht – es ist die Bestätigung, dass der Verein ihn nicht in derselben Kategorie sieht wie andere zentrale Figuren der Zukunftsplanung.
Der Markt verändert sich gleichzeitig rund um den Missmut in München.
Mit jeder starken Leistung im Klub wächst das Interesse großer europäischer Vereine an einem Spieler, dessen Vertrag in absehbarer Zeit ausläuft. Für Bayern ist das ein ungewohnter Perspektivwechsel: Der Klub, der sonst innerhalb der Liga das Gefälle diktiert und Leistungsträger anderer Vereine einsammelt, steht plötzlich vor der Frage, ob ein eigener Leistungsträger seinen Wert eher im Ausland realisiert sehen will. Nach aussen wird die Rhetorik härter – man verweist auf den bestehenden Vertrag, schließt einen kurzfristigen Abgang zunächst aus, betont die eigene Handlungsfähigkeit.
Darin kann man schlicht die Taktik sehen, die ausländischen Interessenten zu blocken, aber intern reift die Entscheidung, Kroos nicht „um jeden Preis“ an den Verein zu binden.
Allen Trainern ist klar, wer und was Toni Kroos ist.
Alle involvierten Trainer sprechen sich klar für Kroos aus, die Teppichetagen aber zögern: Pep will Kroos unbedingt bei Bayern halten, weil er von dessen Bedeutung für sein Positionsspiel überzeugt ist. Im Sommer 2014 beschäftigt sich auch Barcelona mit dem Deutschen. Luis Henrique bekommt ihn nicht, weil das Geld „nur“ für den billigeren Rakitić reicht. Und bei Real will Klubpräsident Florentino Pérez vor allem James Rodríguez unbedingt zu den Galácticos holen, während Trainer Carlo Ancelotti Kroos als taktische Ergänzung fürs Mittelfeld explizit verlangt; typisch Real muss hier Ancelotti nicht auf den einen verzichten. Er bekommt beide:
Bayern entscheidet sich schliesslich für den Verkauf mit einer Ablöse um die 25 Millionen. Für Kroos öffnet sich die Tür zum Wechsel ins Ausland, zu einem Klub, der ihm genau jene Mischung aus Rolle, Wertschätzung und Perspektive bietet, die er in München eingefordert, aber nicht vollständig bekommen hat. Was dann kommt, ist bis heute eine einmalige Geschichte und ein bleibender Stachel im Fleisch der Bayern-Oberen:
Kroos verlässt München im Sommer 2014 nach
3 Meisterschaften
3 Pokalsiegen
1 Champions League – Triumph.
Erst wird er mit Deutschland in Brasilien Weltmeister, und dann
wird er in Madrid fester Teil des magischen Mittelfelds mit Modric und Casemiro, das eine Ära prägt und in der Königsklasse Maßstäbe setzt.
Für Kroos kommen bei Real Madrid in elf Jahren
4 Meistertitel
1 Cupsieg
und unfassbare weitere
5 Champions League – Siege dazu.
Toni Kroos hat also den wichtigsten Clubwettbewerb im Profifussball gleich sechsmal gewonnen. Und bei jedem Erfolg, den der Weltmeister in Madrid einfährt, beisst sich Rummenigge wohl beinahe die Zunge ab.
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