Die Schweizer Entwicklung im Eishockey
Ich reibe mir noch immer wieder mal die Augen: Die Entwicklung, die das Schweizer Eishockey in den letzten Jahrzehnten genommen hat, ist mehr als bemerkenswert. Die Heim WM, die wir nach dem Corona-Gau nun doch noch kriegen, ist Grund genug, nochmals etwas zurück zu blicken – und die Baumeister zu erwähnen.
Von Simon Schenk zu Simon Schenk: Liftmannschaft
Eishockey ist schon vor den 90er-Jahren populär bei uns. Und der Sport kennt kantige Persönlichkeiten, Bündner und Berner „Grinde“, die auch versuchen, der Nationalmannschaft Leben einzuhauchen, während Eishockey auf Club-Ebene schon seit Ewigkeiten populär ist. Simon Schenk ist eine dieser Männer mit grossem Ansehen. Seine erste Amtszeit endet nach fünf Jahren just da, wo dieser Rückblick beginnt: 1990. Da gewinnt die Schweiz die B-WM und steigt in die A-Gruppe auf. In der Folge übernehmen international renommierte Persönlichkeiten für jeweils kurze Amtszeiten die Zügel, teilweise sogar zwei Mal. Hans Lindberg (90-91), Juhani Tamminen (91-92), John Slettvoll (92, 93), Bill Gilligan (92-93), nochmals Hans Lindberg (93-94), Hardy Nilsson (94-95), und dann Simon Schenk (95-97) für nochmals drei Jahre.
Es ist eine Zeit der Instabilität. Die Schweiz ist eine Liftmannschaft, mit Auf- und Abstiegen zwischen der A- und der B-Gruppe.
1991: Rang 7 an der A-WM
1992: Olympia Rang 10
1993: Rang 12 und Abstieg in die B-Gruppe
1994: Rang 1 an der B-WM und Aufstieg
1995: 12. Rang an der A-WM und Abstieg
1997: 3. Rang B-WM, aber Aufstieg als kommender Heim-A-WM-Gastgeber
Ralph Krueger 1997-2010 – Heim-WM und Etablierung in der A-Gruppe
Die Heim-WM in Zürich und Basel unter Ralph Krueger setzt ein erstes Ausrufezeichen in der Neuzeit. Krueger coacht selbstbewusst und spricht auch entsprechend, und Spieler und Publikum fangen an, ihm zu glauben. Das Resultat ist ein 4. Rang. Die grösste Leistung besteht aber in der strukturellen Entwicklung in den Folgejahren: Die Schweiz wird dauerhaft in der WM-A-Gruppe verbleiben und erreicht mehrfach die Top 8, ohne aber wirklich ein Medaillenkandidat zu sein. Es gibt einzelne besondere Ausrufezeichen wie Olympia 2006 (am Ende Rang 6) mit historischen Siegen gegen Kanada und Tschechien – und Spielern namens Patrick Fischer und Mark Streit.
Die Verdienste von Ralph Krueger rund um die Schweizer Nationalmannschaft sind bedeutend. Er hat uns mit seiner Mentalität gut getan und sich gleichzeitig als Deutsch-Kanadier sehr glaubwürdig mit dem Schweizer Eishockey identifiziert. Vor wenigen Tagen hat Kueger von sich aus seine Erkrankung an Parkinson publik gemacht. Ein emotionaler Grund mehr, ihm zu wünschen, dass er die Spätfolgen seiner Arbeit an der diesjährigen WM nochmals geniessen kann. Eine besondere Episode ist die WM 2000 in Russland, als die Schweiz nach einem 3:3 gegen die USA gegen Frankreich verliert und der Absturz in die Abstiegsrunde droht – denn es wartet die Weltmacht Russland. Aber die Schweiz gewinnt 3:2, und die Motivationstricks von Ralph Krueger werden zu Anekdoten. Es sind solche Episoden, welche in der Eishockeynation Schweiz nach und nach den Glauben wecken, dass mehr, noch mehr möglich ist.
Sean Simpson 2010-2014: Erster WM-Final seit 1935
Nach zwei eher durchzogenen Weltmeisterschaften 2011 und 2012 mit Rang 9 und 11 sind die Schweizer 2013 wie verwandelt. Sie reihen in neun Spielen neun Siege aneinander und stürmen in den WM-Final, in welchem erst die nüchternen Schweden den Schweizern den Zahn ziehen und sie gleich 5:1 schlagen. Aber diese Silbermedaille löst eine Begeisterung im Land aus, der Empfang am Flughafen Kloten ist einmalig, und der Appetit kommt bekanntlich mit dem Essen.
Zwischenphase 2014/15
Der Erfolg ist aber, natürlich, ein Ausreisser nach oben. Glenn Hanlon und Felix Hollenstein coachen kurzzeitig bzw. interimistisch, an der WM 2015 klassiert man sich wenigstens wieder unter den Top 8. Kurz kommt die Befürchtung auf, dass sich womöglich niemand den Druck antun will, mit diesem Erfolg in der Vergangenheit zu scheitern. Aber einer sieht das anders:
Patrick Fischer 2015-2026 installiert die Schweiz in der Weltklasse.
Fischer war als Spieler eine prägende Figur in der NLA, mit mehr als 700 Partien und über 600 Punkten u.a. für den EV Zug, den HC Lugano (Schweizer Meister 1999), den HC Davos (Schweizer Meister 2002 und zwei Spengler-Cup-Siege). 2006 wechselt Fischer in die NHL zu den Phoenix Coyotes, bei denen er sich als erster Schweizer Stürmer einen festen Platz in einem NHL-Kader erspielt, 27 Partien mit 5 Punkten absolviert, bevor ihn eine schwere Verletzung stoppt. Er absolviert 190 Länderspiele für die Schweiz und nimmt unter Ralph Krueger auch an Olympia 2006 teil (s.w.o.).
Nach dem Karriereende 2009 als Spieler startet Fischer seine Trainerkarriere im HC Lugano, wird bald Assistenztrainer – und ist auch Assistant Coach von Sean Simpson beim WM-Silber 2013 – es ist sein wichtiges Referenzturnier als Trainer. In Lugano wird er Headcoach, bringt in eine junge Mannschaft eine offensive Spielidee ein, ohne aber einen Titel zu holen oder dauerhaft in den Spitzenrängen zu landen, bis er 2015 schon nach 13 Spielen entlassen wird. Dadurch ist die Befürchtung bei vielen Fachleuten gross, dass Fischer für die Nati noch zu unerfahren ist.
Rang 11 an der WM 2016 ist kein so starkes Gegenargument… aber der junge Coach denkt gross, spricht offensiv und glaubt an das Titelpotenzial seiner Mannschaft. 2017 erreicht sie Rang 6. Die Schweiz hat nun einen Headcoach der offen davon spricht, Weltmeister werden zu wollen. „Fischi“, wie er immer häufiger genannt werden wird, hat all die Erfahrungen und Überzeugungen der auch mental so starken Trainer Ralph Krueger und Sean Simpson in sich aufgesogen und trägt es in die Gruppe seiner Spieler.
2018 wird geliefert: Die Schweiz erreicht den Final und trifft – wieder – auf Schweden. Diesmal hält die Schweiz dagegen und verliert erst im Penaltyschiessen. Schweizer Eishockeyspieler, die nach einer WM-Silbermedaille enttäuscht sind? Natürlich ist diese Bestätigung ein Riesenerfolg, und er wird in der Schweiz wieder entsprechend gefeiert. Aber das Schönste ist die angestrebte Selbstverständlichkeit: Die Schweizer wollen sich in der Weltspitze dauerhaft etablieren. Dabei hilft, dass es vermehrt Schweizer Spieler gibt, die in der NHL gedraftet werden und auch Verträge erhalten. Und dass sie ALLE zur Nationalmannschaft kommen, wann immer das irgendwie möglich ist.
2024 spielt die Schweiz im Final gegen den Gastgeber Tschechien und kassiert das entscheidende Gegentor von Pastrnak in der 50. Minute…
2025 erreicht man wieder den Final, bietet diesmal den USA Paroli, um schliesslich in der Overtime zu verlieren. Drei Mal Silber an Weltmeisterschaften und im Mai 2025 auch Platz 2 im IIHF-Ranking. Die Eishockey-Nati etabliert sich als ständiger Medaillenkandidat, und die Weltmeister-Ambitionen spricht mittlerweile jede und jeder aus, ohne als grössenwahnsinnig zu gelten.
WM-Silber 2013, 2018, 2024, 2025. Und 2026 in der Schweiz?
Jan Cadieux (seit 2026)
hat übernommen. Er ist ein ruhiger Mensch mit einer kanadischen Eishockey-Seele. Im Gegensatz zu Fischer kann er in seiner Vita Erfolge als Clubtrainer vorweisen – Schweizer Meister und Champions League Sieger mit Genf Servette. Und er kennt die Mannschaft als mehrjähriger Assistenzcoach wie seine Westentasche und ist von den gleichen Überzeugungen beseelt. Die Voraussetzungen sind gegeben. In der aktuellen Mannschaft im heute beginnenden Turnier stehen nur drei Spieler, die keine der bisherigen drei Silbermedaillen gewonnen haben!
Über all die Jahre hat die herausragende Generation der aktuellen Profis viele auch persönliche Meilensteine gesetzt. In dieser Saison 2025/26 haben mit Niederreiter und Josi gleich zwei Spieler ihre 1000. NHL-Partie bestritten, Nico Hischier, der erste und einzige Schweizer Nr.1-Draft aller Zeiten, und Roman Josi sind Captains ihrer NHL-Teams. Die Schweiz hat mit Roman Josi, Kevin Fiala und Leonardo Genoni dreimal den MVP Player einer WM gestellt.
Allen diesen Spielern ist eine Spielerpersönlichkeit eine Leuchtfigur, die ich zum Abschluss erwähnen will: Mark Streit hat sich als erster Schweizer Spieler in der NHL auch mit seiner Persönlichkeit durchgesetzt. Als er 2004 im Alter von 26 Jahren als 262. und letzter Pick im NHL-Draft von den Montréal Canadiens gezogen wird (9. Runde), ist das eine Randnotiz, aber doch auch speziell, denn er ist kein junger Spieler mehr. Aber er setzt sich durch!
Am Ende seiner NHL-Karriere weist der Offensivverteidiger 786 NHL-Spiele, 96 Tore, 338 Assists, 434 Skorerpunkte aus, eine All-Star-Game-Nomination als Captain der New York Islanders, und ist Teil des Kaders der Pittsburgh Penguins, die 2017 den Stanley Cup gewinnen. An Streits Professionalität, seinem unbedingten Willen und seiner entsprechend harten Arbeit, aber auch an seinem Selbstvertrauen und -bewusstsein hat sich die ganze heutige Spielergeneration orientieren können.
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Nachtrag von 23h22: Die Schweiz ist heute Abend mit einem 3:1-Sieg gegen den Olympiasieger und Weltmeister USA ins Heimturnier gestartet.
Korrektur vom 17. Mai, 11h45: Ich hatte der Schweiz die Silbermedaille von 2024 unterschlagen…
Kategorien: Eishockey
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