Der Kampf der Field-Reporter
Ein Fussballspiel dauert 90 Minuten plus Nachspielzeit. Oft ist das für den Reporter nicht genug Vorbereitungszeit für das Interview danach… Oder aber die Spielchen, die dann manchmal gespielt werden, sind genau so peinlich wie die tiefe Flughöhe mancher Fragen.
Field-Reporter – Am Spielfeldrand ist es schwer, keine Frage
Ich schicke voraus, dass es unter allen Aufgaben im Sportjournalismus die Aufgabe ist, an der ich mich am meisten reibe… Da hat ein Journalist ein ganzes Spiel lang Zeit, sich gehaltvolle Fragen zum Match zu überlegen – und was dabei rauskommt, ist viel zu oft viel zu belanglos. Da ist die Versuchung natürlich gross, ein bisschen zu provozieren, und manch Zuschauer wird es lieben, wenn die Spieler, noch voller Adrenalin kurz nach Spielende, aus der Reserve gelockt werden. Es hat schon seine Gründe, dass der Medienverantwortliche in vielen Vereinen stark darauf achtet, wer sich dann zu einem Reporter hinstellt – und wer besser wegbleibt. So manche Frage hat dann aber auch einfach Fan-Niveau, wenn der Reporter fragt: „Die Grosschance kurz vor Schluss… sagen Sie, warum haben Sie „den“ nicht gemacht?“ Ja, warum wohl? Das gibt dann ein Kurzinterview mit angefressenen Ecken, und das mag man als Unterhaltung bezeichnen und im Sessel zuhause geniessen.
Absehbar ist auch so manche Polemik, schon bevor sie weiter befeuert wird
Da hat also der VfB Stuttgart ein Auswärtsspiel in Mainz – und das Spiel mit zwei Toren innert 60 Sekunden und dem späten Ausgleich gibt mächtig was her für die Aufarbeitung an der Seitenlinie vor den Mikrofonen. Aber in der Woche zuvor hat der Bundestrainer dem kicker ein Interview gegeben und dabei von der Baustelle im Sturm gesprochen, und das hat Denis Undav, derzeit gut treffender Mittelstürmer oder falscher Neuner oder Zehner des VfB, überhaupt nicht verstanden. Und weil er vom Bundestrainer in diesem Jahr noch nichts gehört hat, hat er sich über die Presse Gehör verschafft und Luft gemacht. Ein Fressen für alle.
Also wird einfach jeder mit VfB-Vereinszugehörigkeit, den Patrick Wasserzieher vors Mikrofon bekommt, dazu befragt, ob er denn finde, dass Denis Undav in die Nationalmannschaft gehöre oder nicht? Welche Antworten er dazu bekommt, kann sich nicht nur Wasserzieher vorstellen, bevor auch nur ein Mund aufgemacht wird. Und das ist ja auch so gewollt. Die Medien befeuern das Thema bis zur Schmerzgrenze, und die wird nur durch die Aufmerksamkeitsraten bestimmt. Ob Undav gut beraten ist, so mit der Situation umzugehen oder nicht, muss er allein wissen. Unterstützung, die ihn ermutigen würde, ruhig zu bleiben und das Aufgebot abzuwarten, scheint es nicht zu geben. Aber es ist auch die Frage, welch ein Typ ein Spieler ist. Nicht jeder bleibt so leise wie Oliver Baumann bei all den Statements, die ihn in Frage stell(t)en.
Die Reporter aber haben in drei Minuten – womöglich – so viel Gesprächsstoff geliefert, dass es für die ganze Woche reicht. Ob sie damit ihren Job gut gemacht haben, muss jeder selbst entscheiden. Dass sie Undavs Chancen damit eher beeinträchtigt haben statt verbessert, steht auf einem andern Blatt, das die Journalisten nicht wirklich interessiert. Sollte sich in der Folge der Eindruck ergeben, Nagelsmann würde dem wachsenden Druck der „Öffentlichkeit“ nachgeben, schafft er sich womöglich ein Profil-Problem, das dann ebenfalls beackert werden kann. Nicht nur am Spielfeldrand.
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