Schon viele Wechselbäder für Dominic Stricker (1)
Dominic Stricker ist eines der sechs Tennistalente, die wir die nächsten Jahre verfolgen wollen. Er ist ein kleines Stück älter als die vier ganz jungen Spieler – gemessen an dem, was er schon erlebt hat, erst recht!
Das Talent wird früh erkannt und 2020 bestätigt
Dominic Stephan Stricker, Jg. 2002, aus Grosshöchstetten im Kanton Bern beginnt mit knapp sechs Jahren mit Tennis. Bemerkenswert früh wird das Hobby zur Berufsperspektive. Er gilt als bodenständiger Familienmensch und wird von seinen Eltern und seiner Schwester eng unterstützt. Früh bildet sich ein ganzes Team-Management unter der Ägide seines Vaters.
18jährig gewinnt er gegen Leandro Riedi die French Open bei den Junioren – und mit Flavio Cobolli auch die Doppelkonkurrenz – das hat die letzten 30 Jahre kein Junior geschafft. Der Linkshänder mit seinem bereits kräftigen Aufschlag bekommt entsprechende Medienaufmerksamkeit. Die Nr. 3 der Juniorenweltrangliste wird über Nacht zum Hoffnungsträger für die „Zeit nach Federer/Wawrinka“. Der Weg in den Profi-Circuit ist geebnet, der Übergang auf die ITF/Challenger-Ebene soll kommen, Stricker will sofort auf der Tour Fuss fassen.
2021 – Challenger-Durchbruch und erste ATP-Erfolge
Es gibt nur wenige Schweizer Challenger-Turniere, an welchen die jungen Schweizer mit Wildcards teilnehmen können, so dass sie vorab nicht die Qualifikation fürs Turnier schaffen müssen. Doch Stricker nützt die Chance gleich schon im März 2021 am Challenger in Lugano, und gewinnt als ATP Nr. 874 das Turnier (zur Einschätzung: dieses Jahr musste die ATP Nr. 288 bereits über die Qualifikation gehen). Er ist der drittjüngste Schweizer Challenger-Sieger nach Federer und Wawrinka und springt erstmals in die Top 500. Im Juli 2021 bekommt er für sein erstes ATP Turnier in Genf eine Wildcard – und erreicht nach Siegen gegen Marin Čilić und Márton Fucsovics das Viertelfinale. Im Juli 2021 gewinnt der am Turnier in Gstaad mit Marc-Andrea Hüsler seinen ersten ATP-Doppeltitel. Er gehört in der Folge schon zum erweiterten Kreis der Davis-Cup-Equipe, und die ganze Sportöffentlichkeit sieht in ihm die Schweizer Nr. 1 der Post-Federer/Wawrinka-Generation.
2022 – Top 150, Halbfinalist an den Next Gen ATP Finals
Im Frühjahr und Sommer 2022 gewinnt der die Challenger-Turniere in Cleveland und Zug, steigt bis in die Top 150 der Weltrangliste auf.
Im November 2022 qualifiziert er sich für die Next Gen ATP Finals und erreicht dort das Halbfinale: Die Bestätigung, einer der stärksten Spieler seines Jahrgangs zu sein. Körperlich sollte er noch zulegen. Er ist gross, wirkt aber etwas schwer und scheint nicht perfekt austrainiert zu sein.
2023 – Trainerwechsel und Grand-Slam-Erfolge und Rücken
Im April 2023 entscheidet sich Stricker für Dieter „Didi“ Kindlmann als neuen Headcoach, nachdem sich Sven Swinnen teilweise zurück gezogen hat. Stricker will seinen Alltag professionalisieren und Ernährung, Trainingsumfang und Struktur optimieren, alles „etwas seriöser“ angehen. Das nun 14-köpfige „Team DS“ hat 44 Sponsoren und auch schon (länger) ein eigenes Logo. Vater Stephan hat sein Pensum als Polizist reduziert, um als Manager das Budget von rund einer halben Million Franken zu stemmen.
In Roland Garros bestreitet Stricker als Lucky Loser erstmals eine Partie im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers. Im Juli qualifiziert er sich mit drei Siegen fürs Hauptfeld in Wimbledon und gewinnt die erste Partie auf allerhöchster Stufe gegen Alexei Popyrin. Im gleichen Sommer gewinnt er in Prag seinen fünften Challengertitel. Fünf Turniersiege auf dieser Stufe vor dem 21. Geburtstag hat noch kein Schweizer geschafft. Der globale Durchbruch gelingt anschliessend am US-Open:
Er qualifiziert sich zum dritten Mal hintereinander fürs Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers, schlägt dann wieder Popyrin, dann Benjamin Bonzi und dann Stefanos Tsitsipas in einem Vier-Stunden-Thriller, bevor er im Achtelfinale nach starkem Match gegen Taylor Fritz (5) ausscheidet.
Der beim Wechsel auf seiner Bank sitzende Stricker, der in der Schlussphase gegen Tsitsipas scheinbar völlig locker Whitney Houstons Pausen-Song mitsummt, geht viral.
Dann kommen die Swiss Indoors in Basel. Siege über Benjamin Hassan und Casper Ruud und damit zweiter Sieg gegen einen TopTen-Spieler, erster ATP-500-Viertelfinal. Gleichzeitig treten Schmerzen im unteren Rücken auf, die anhalten und sich danach verschlimmern.
Erneut qualifiziert er sich für die Next Gen ATP Finals und erreicht wieder den Halbfinal.
Die Rückenprobleme machen weiter Sorgen. Die körperliche Formkurve entspricht nicht den Resultaten…
2024 – gesundheitliche Rückschläge
Die Rückenbeschwerden setzen ihn 2024 für ein halbes Jahr ausser Gefecht. Die Betreuung versucht, die physische Basis zu verbessern, der Turnierplan soll angepasst werden, er will sich weiter Zeit geben und kehrt auf kleinere Turniere zurück, sucht Rhythmus, Selbstvertrauen und Stabilität.
In Stockholm am ATP-250-Turnier gewinnt Stricker im Oktober gegen A. Kovacevic, ATP 90, dann gegen Matteo Berrettini, ATP 35 in einem mitreissenden, engen Match, bevor er dann im Viertelfinal gegen Dimitrov verliert. In Basel muss man in diesem Jahr die Nr. 45 sein, um überhaupt ins Hauptfeld zu kommen. Stricker erhält aber eine Wildcard und schlägt mit Griekspoor die Nr. 35, der vorher in Stockholm den Halbfinal erreicht hatte. Anschliessend liefert er Holger Rune ein enges Match über drei Sätze. Trotz Niederlage ein Mut machender Herbst, zumal er mit Hüsler auch noch den Doppel-Halbfinal erreicht.
2025 – Mehrere Erschütterungen: Stillstand, Ende oder Neuanfang?
Beim ATP-Challenger-Turnier in Lugano erleidet Stricker im Februar 2025 die sechste Niederlage en suite. Er hat seit anfangs November 2024 kein Spiel mehr gewonnen. Dann berichtet die NZZ, Dominic Stricker denke ans Aufhören, was seinen Trainer Kindlmann „entnervt“ habe kündigen lassen. Stricker habe Probleme mit seinem dominanten, ihn managenden Vater, der als Strickers Agent agiere. Vater Stephan Stricker eckt allenthalben an, auch beim Verband, es fallen wohl deftige Worte. Stricker will sich von seinem Vater lösen, aber das ist ein schwieriger Prozess. Der junge Mann nimmt in den Medien Stellung. Die aktuelle Trennung vom Trainer ist Tatsache, auch wenn das Verhältnis nach wie vor gut sei, und er bestätigt, dass er fürs Management jemand Neues sucht. Er bedankt sich bei Swiss Tennis, dass sie ihn weiter unterstützen.
Im Mai 2025 gibt er in Francavilla auf wegen Knieproblemen, auch der Rücken macht weiterhin Probleme. Im Juni geht am Turnier in Heilbronn während eines Matches gar nichts mehr.
Im August gibt Stricker die Zusammenarbeit mit der Agentur AVD Management der bekannten Spitzen-Beachvolleyballerin Anouk Vergé-Dépré bekannt. Er wird fortan vom AVD-Partner Nicola Kusy betreut. Die Zusammenarbeit umfasst die Bereiche Karriereplanung, Sponsoring und Marketing sowie persönliche Weiterentwicklung.
Im Oktober 2025 reisst am Challenger in Roanne dann das Innenband im rechten Knie. Voraussichtlich rund zwei Monate Pause.
Das Team Stricker entscheidet sich für eine konservative Behandlung der Verletzung. Fokus auf Reha, Kraftaufbau und Belastungssteuerung.
Im Dezember 2025 ist das „Team DS“ nach wie vor sehr gross. Auf dem jungen Mann lasten mehr als nur gesundheitliche Probleme. Die zuvor vom Vater versuchte professionelle Vermarktung kann zum Boomerang werden, wenn die Karriere stockt. Eine Agentur mit eigener persönlicher Affinität zum Spitzensport kann vielleicht Druck vom geschäftlichen und familiären Kessel nehmen… Vater und Mutter Stricker sind auf der Webseite immer noch unter dem Aufgabenbeschrieb „Organisation“ aufgeführt.
2026 – Ausgang offen – der Weg ist weit
Im Januar überrascht Stricker damit, dass er Henri Laaksonen ins Trainerteam aufnimmt. Einen Ex-Profi, der ihm mit seiner Erfahrung auf höherem Tour-Niveau beim Comeback helfen soll. Der Finnland-Schweizer Laaksonen hat seine eigene Karriere trotz beschränktem Potenzial und oft irritierend teilnahmslos wirkendem Auftreten beharrlich verfolgt, und alle hoffen, dass die inneren Werte „Domi“ stärken – nach aussen war Laaksonen selbst nicht unbedingt besonders gewinnend aufgetreten. Er dürfte sich auch oft falsch verstanden gefühlt und beschlossen haben, dass es sich nicht lohnt, sich darum besonders zu bemühen. Hoffen wir, dass in jedem Fall Stricker sein Lachen wieder findet.
Ende Januar 2026 erreicht Stricker an einem ITF-M25 in Nussloch den Viertelfinal, und er wird parallel wieder ins Schweizer Davis-Cup-Team eingebunden, in welchem aber Riedi und Kym die Leader sind – der tiefere Einstieg ist bewusst gewählt, für Matchpraxis und Selbstvertrauen.
Stricker weiss längst, dass ihm nichts geschenkt wird. Sein Körper wird extrem belastet, die Psyche sowieso. Dennoch hat dieser sympathische Kerl so viele gute Anlagen in sich, dass nicht nur ich hoffe, dass er die Kurve bekommt, auch wenn es ein Wechselspiel bleiben dürfte. Für einen jungen Mann mit 24 Lenzen hat er viel erlebt und schnell wirklich erwachsen werden müssen. Wenn die Nr. 370 die Ochsentour für Kopf und Körper besteht, ziehe ich den Hut vor ihm. Meinen Respekt hat er sowieso.
Kategorien: Tennis
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