Immer wieder Vinicius Jr.
Lieber Vini, aus Dir soll mal einer schlau werden. Du bist so ein begnadeter Fussballer, einer der aktuell besten Stürmer überhaupt. Aber womöglich könntest Du noch viel besser sein, würdest Du nicht ständig Nebenschauplätze aktiv unterhalten. Ich gebe zu: Ich reibe mich an Deinen Auftritten, und manchmal bis Du mir einfach mit Deinem Gehabe unsympathisch. Und mit Verlaub: Wenn Du mich deshalb als Rassisten bezeichnest, dann liegst Du da falsch und machst es Dir zu einfach.
Es ist, als würdest Du das Gefühl brauchen, ungerecht behandelt zu werden.
Der heutige Abend war wie die Blaupause aller Probleme, denen Du Dich ausgesetzt siehst, denen Du aber selbst ständig neuen Zunder beifügst, indem Du mit Deinen eigenen Provokationen das Feuer schürst: Du schiesst ein wunderbares Tor, das bei jedem, der Fussball liebt, grosse Glücksgefühle auslöst. Du musst wohin mit Deinen eigenen Emotionen – und rennst zur Eckfahne für ein Tänzchen, wie es durchaus wohlwollend beschrieben wird. Du spielst lange genug Fussball, dass Du weisst, wie sehr Du damit zusätzlichen Frust vor den gegnerischen Fans, die unmittelbar vor Dir (und im ganzen Stadion) sitzen, auslöst. Aber Du kannst es nicht lassen und lässt Dich auch nur widerstrebend von eigenen Mitspielern da wegziehen. Dass Du damit auch keine Sympathien bei den gegnerischen Spielern einheimst, ist auch klar. Wut knallt Dir auf allen Ebenen entgegen. Das Thema ist einmal mehr gesetzt:
Du bist genial. Du wirst maximal verkannt und beleidigt, weil Du schwarz bist. Du kriegst auch nicht den gewünschten, noch höher dotierten Vertrag, den Du von Deinem Verein zum Bleiben forderst, und Du vermutest, dass das nur darum so ist, weil Du schwarz bist. Oder Du wirst von Deinem Ex-Trainer Alonso ein paar Minuten vor Spielende ausgewechselt und zeigst dabei ein so respektloses Verhalten gegenüber ihm (und damit dem für Dich eingewechselten Spieler), dass im ganzen Land hunderte Juniorentrainer gerade still fluchen dürften, weil Du für alle jungen Spieler die falschen Zeichen setzt.
Für das Opferlamm provozierst Du selbst zu viel – und auf die falsche Art
Vielleicht siehst Du es als Dein Schicksal an, gewissermassen das Opferlamm für das Thema des immerwährenden Rassismus zu sein und kraft Deiner augenscheinlichen Genialität Beweis genug zu liefern, dass in der Absprache des totalen Respekts Dir gegenüber die Diskriminierung liegt. Himmel, Du hättest wirklich alle fussballerischen Anlagen, um genau das zu sein. Aber Dein Charakter ist ein anderer. Er kann die Welt, von der er sich gehasst fühlt, nicht nur mit überragender Leistung herausfordern – er muss sie mit frag- und unwürdigen Provokationen so reizen, dass es kommt, wie es immer wieder kommen muss: Ein Mob ist niemals besonnen, und ein Pulk von gegnerischen Fans ist das erst recht nie. Nun soll Dich ein Gegenspieler nach Deinem heutigen Torjubel einen Affen genannt haben, oder Dich sonst, vielleicht noch schlimmer, rassistisch beleidigt haben – das ist mehr als unschön, geht gar nicht – aber doch geschieht es überall im Land auf allen Fussballplätzen immer wieder und jeder dieser Vorfälle ist übel. Es ist richtig, dagegen anzugehen und das zu unterbinden. Aber es ist – in der Hitze dieser Augenblicke – ein unrealistischer Anspruch. Vor allem, weil Du selbst mit Deinem Verhalten solche Ausbrüche geradezu zu suchen scheinst. Denn natürlich wissen alle, was Dich in Rage bringt – genau so, wie Du weisst, wie es für die Fans in Lissabon ist, wenn Du vor ihnen Deinen Geniestreich so feierst.
Gib uns nicht länger ein Alibi
Gib uns in Zukunft nicht das Alibi, dass wir mit gefühltem Recht uns selbst sagen können, dass wir Dich nicht mögen, weil Du Dich verhältst, wie Du Dich verhältst. Würdest Du schlicht einfach so gut Fussball spielen, wie Du es tust, und dazu noch mit Besonnenheit auffallen, dann würde jeder kleinste Verdacht einer rassistischen Reaktion um so ernster genommen. Damit könntest Du das Thema vielleicht nicht ganz so gross machen – aber tatsächlich tiefergehend etwas bewirken.
Kategorien: Fussball, Persönlichkeit
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