Hauptsache Sport

gewinnen und verlieren

Herz und Kopf

von Kommentare: 1

-

Wer selbst Tennis spielt, weiss, was in einem Match alles im eigenen Kopf vorgehen kann. Und es ist faszinierend, dass das für jeden Spieler und jede Spielerin auf jedem Spiellevel gilt. Leider. Denn die Sache mit dem Selbstvertrauen ist eine Herausforderung – und entscheidend, will ich das Optimum aus meinen Möglichkeiten herausholen.

Der persönliche Wendepunkt in der Karriere von Stan Wawrinka

Ende 2012 hält er sich relativ konstant im Bereich der Top 20 und wird auch in der Deutschschweiz für seinen Kampfgeist geachtet. Gleichzeitig sieht man in den vielen knappen unglücklichen Niederlagen an grösseren Turnieren ein Mentalitätsproblem des Romands. Viele denken, dass er nie über den Punkt hinaus kommen wird, an dem er sich jetzt befindet. Er ist fast 28 Jahre alt und hat bisher lediglich drei kleine ATP-250 Turniere gewonnen. Und jetzt kommt dieser Achtelfinal gegen Djokovic in Melbourne im Januar 2013, den viele Tennisfans nie mehr vergessen werden. Der Serbe ist seit drei Jahren das Mass aller Dinge, hat in Australien 18 Partien am Stück gewonnen und in den ersten drei Runden keinen Satz abgegeben. Er ist schon damals das Mentalitätsmonster schlechthin.

Aber Wawrinka gewinnt den ersten Satz 6:1 in weniger als einer halben Stunde und spielt wie entfesselt. Und er macht weiter, scheint nicht nachzudenken. Gut so. Nach einer Stunde führt er 6:1 5:2, ein einziges Game trennt ihn von einer Zweisatzführung. Doch dann zittert die Hand. Wawrinka macht 25 Eigenfehler in diesem Satz – nach nur drei Stück im ersten Satz. Djokovic bucht fünf Games in Folge und gewinnt den zweiten Satz 7:5. Wawrinka hat zuvor die zehn letzten Partien gegen Djokovic verloren. Alles wird so wie immer sein. Nach zwei Stunden führt Djokovic mit 2:1 Sätzen. Der vierte Satz raubt den Zuschauern den Atem. Nur Wawrinka hat Breakchancen – die er aber nicht nützen kann. Im Tiebreak bleibt er fokussiert und ruhig und gewinnt es 7:5. Die Zuschauer toben. Es ist längst Mitternacht vorbei, niemand verlässt seinen Platz. Bei 4:4 im fünften Satz kann Wawrinka vier Breakchancen nicht nutzen. Es gibt noch kein Hawk Eye. Linienrichter entscheiden über in and out. Sein Return beim vierten Breakball wird aus gegeben. Wawrinka erfährt erst nach dem Match, dass der Entscheid gegen ihn ein Fehlentscheid war. Er hatte sich nach Konsultation des Stuhlschiedsrichters gegen eine Challenge entschieden.

Das Drama geht in die Verlängerung (der 5. Satz wird damals noch ausgespielt). Aber Wawrinka muss immer nachziehen. Während er selbst keine Breakchance mehr erhält und Djokovic immer vorlegen kann, serviert Wawrinka fünfmal erfolgreich gegen den Matchverlust. Um 1h45, nach 5h02min Spielzeit, verwertet Djokovic seinen dritten Matchball zum 12:10 im fünften Satz.

Wawrinka hat niemals zuvor auch nur annähernd so gut gespielt. Doch das Ende ist das gleiche wie – gefühlt – immer. Und es geht in diesem Jahr weiter mit den epischen Niederlagen. Nur zwei Wochen später ist Daviscup gegen Tschechien. Und „Marathon-Stan“ verliert an der Seite von Marco Chiudinelli nach 7h02min gegen Tomas Berdych/Lukas Rosol mit 22:24 im fünften Satz, der allein 3h35min dauert.

Und im August folgt die nächste Niederlage gegen Djokovic. Am US-Open. Wieder in fünf Sätzen, nach 2:1-Satzführung.

Aber Wawrinka lässt sich nicht beirren. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als die bitteren Niederlagen zu akzeptieren und daraus zu lernen. Noch mehr zu lernen. Er lässt sich das Tattoo auf den linken Unterarm stechen, das mittlerweile so viele Menschen kennen:

«Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.»

Samuel Beckett

Rückblickend kannst du darin ein Indiz dafür sehen, dass Wawrinka sich entschieden hat, kein Haderer zu werden, sondern ein Schüler zu bleiben. Ein eifriger und demütiger aber auch ehrgeiziger Schüler. Und er holt sich den Ratgeber und Lehrer an seine Seite, der Herz und Kopf von Wawrinka erreicht und mit begründetem Vertrauen in die Fähigkeiten seines Schützlings zu Werke geht: Magnus Norman, selbst ehemaliger Spitzenspieler, selbst einmal in einem Grand-Slam-Final gescheitert, wird gesehen haben, dass dieser Wawrinka mehr in sich trägt, als Norman selbst je auf den Platz bringen konnte.

Doch was da noch niemand weiss: Wawrinka, der ewige Verlierer, wird tatsächlich noch zum grossen Sieger.

Stan Wawrinka wird zum Grand-Slam-Sieger. Und er bestätigt seine Leistung gleich mehrfach.

Nur ein Jahr später, 2014 an gleicher Stätte, kommt es im Viertelfinal erneut zum Duell gegen Djokovic. Und wieder geht es über fünf Sätze. Und wieder ist eine Verlängerung nötig. Doch am Ende gewinnt Wawrinka diesen Entscheidungssatz – mit 9:7. Das ist ein Brustlöser. Im Halbfinal schlägt er Thomas Berdych in vier Sätzen und trifft im Final auf Rafael Nadal, der seinerseits Roger Federer in drei Sätzen keine Chance gelassen hat.

Nadal ist die Nr. 1 der Welt, aber Wawrinka hat die grösseren körperlichen Reserven, lässt sich nicht stoppen und gewinnt seinen ersten Grand-Slam-Titel in vier Sätzen.

Was für eine emotionale Befreiung, was für ein Erfolg in einer Zeit, in welcher Federer, Nadal und Djokovic den Tennissport dominieren. Doch genau so zu bewundern ist, was anschliessend geschieht: Es bleibt keine Eintagsfliege. 2015 gewinnt Wawrinka in Paris – und 2016 in New York – beide Male gegen Djokovic. Er schafft es damit, in drei Jahren hintereinander ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen, keinen seiner Finals zu verlieren. Vielmehr schlägt er auf drei verschiedenen Unterlagen drei Mal im entscheidenden Match die amtierende Nr. 1 der Welt.

Es gab in der Saison 2014 ein Grand-Slam-Final, zum ersten Mal seit fast zehn Jahren (!), in welchem weder Federer, Nadal noch Djokovic dabei waren – Miran Cilic schlug dabei am US-Open Kei Nishikori. Cilic erreichte danach noch einmal einen Final, für Nishikori blieb es ein einmaliger Ausreisser nach oben. Diese Momente zu bestätigen und sich dauerhaft auf ein höheres Niveau zu heben, das blieb Stan Wawrinka vorbehalten. Wir werden es nie vergessen. Sein Weg inspiriert viele Fans, und die Haltung, die er dem Spiel und seinen Herausforderungen gegenüber entwickelte, ist beispielhaft. Wawrinka war sich nicht zu schade, als dreimaliger Grand-Slam-Sieger auf der kleinen Challengertour zu malochen und sich mit vierzig nochmals heran zu kämpfen, weil er das Spiel so liebt und dieses letzte Jahr auskosten will. In Melbourne ist ihm das eindrucksvoll gelungen – und es dürfte Schweizer Sportfans geben, denen erst heute dämmert, was da für ein Champion sein Herz auf dem Platz gelassen hat. Danke Stan!

Kommentare

  1. Jan

    Super Artikel! Triffst den Punkt genau!

Kommentare

* Eingabe erforderlich. Du musst vor dem Absenden die Vorschau ansehen. Hinweise zur Netiquette.





Formatierung für Links: "Mein Linktext":https://meinlink.com