Hauptsache Sport

gewinnen und verlieren

Basler Wette auf Lichtsteiner wird zum Charaktertest

von Kommentare 0

-

Beim FC Basel, dem erfolgreichsten Schweizer Fussballclub im 21. Jahrhundert, ist der Wurm drin. Blickt man auf die Mannschaft und deren „Entwicklung“ seit dem Meistertitel, kommt man ins Grübeln. Es ist, als hätte der Verein seit dem Abgang von Fabio Celestini die sportliche Orientierung verloren.

Die Zeit mit Fabio Celestini

Ende Oktober 2023 sehen sie in Basel alte Gespenster aus vermeintlich ewig verschlossenen Gruften aufsteigen… Der FCB klebt „abgeschlagen“ am Ende der Tabelle…?!! Celestini wird verpflichtet und stabilisiert die Mannschaft, so dass man seinen Vertrag vorzeitig bis Sommer 2026 verlängert. Doch schon 2025 gewinnt Basel das Double. Ende gut, aber eben nicht alles gut. Denn Celestini hat wohl nicht vergessen, dass sich die Klubführung in der Nationalmannschaftspause im März 2025 nach Alternativen zu ihm auf dem Schweizer Trainermarkt umhört. Der FCB hat da eine schwächere Ligaphase mit nur einem Sieg aus sechs Spielen hinter sich, ist aber noch immer Tabellenführer.

Als dann der totale Triumph im Sommer Tatsache wird, sagt ihm der eigene Kopf, dass es ja besser gar nicht mehr kommen kann – zumal er auch beim FC Luzern schon erlebt hat, dass der errungene Cupsieg, der erste Titel nach 29 Jahren, nicht verhinderte, dass er in der Folgesaison gefühlt schnell entlassen wurde. In Basel aber können sie wohl nicht verstehen, dass man den besten Job im Schweizer Fussball schmeissen kann – und dann auch noch, wie sich bald herausstellt, für ein Engagement beim ZSKA Moskau. Ausgerechnet.

Für Fabio übernimmt Ludovic

So ist man in Basel wohl ein wenig ins Rotieren gekommen, ungeachtet der Tatsache, dass man doch früher schon Optionen geprüft hatte. Mit Ludovic Magnin übernimmt ein Trainer, der eine noch ansprechendere Spielerkarriere als Celestini vorzuweisen hat – und wie er auch bereits einen Leistungsausweis als Cheftrainer in der Super League herzeigen kann. Irgendwie kann man darin ein Muster erkennen, von dem man sich versprechen mag, dass es erneut funktioniert.

Basel macht in dieser Nach-Meistersaison viele positive Schlagzeilen. Aber die stammen vor allem von der Transferfront. Es werden tragende Säulen der Meistermannschaft für hohe Summen verkauft, und gleichzeitig zeigt sich, dass der FC Basel bei früheren Transfers schon clever verhandelt hat, weil zahlreiche Spieler in Europa, die früher im Joggeli gespielt haben, weiter transferiert werden – wobei die Basler an den Erlösen erneut partizipieren. Klubpräsident David Degen erweist sich als Virtuose in der Versilberung des Spielermaterials, und das erleichtert auch die Verpflichtung neuer Spieler – denn denen entgeht natürlich nicht, dass der FC Basel ein hervorragendes Sprungbrett ist, um sich bei noch grösseren Clubs zu empfehlen.

Doch während Magnin in einem Club, der viel grösser ist als alles, was er zuvor trainierte, umgeben von einem Staff, den er nicht selbst zusammengestellt hat, mit den Schwierigkeiten kämpft, eine nicht homogenen Gruppe zu einem Team zu formen, hat man von aussen den Eindruck, dass „die Neuen“ nicht wirklich zünden. Es bleibt viel Stückwerk. Shaqiri, der überragende Spieler der Meistersaison, hat noch immer ausgezeichnete Skorerwerte, aber er wirkt gestresst und unzufrieden. Seine Körpersprache ist negativ – und die Formkurve der Spieler zeigt eher abwärts, als die Resultate sich genau so wechselhaft ergeben wie die Laune, welche die Mannschaft macht: Bei Basel sind zu viele Spieler mit ihrem nächsten Karriereschritt beschäftigt, statt mit der Entwicklung des Teams, für das sie spielen. Und Magnin gelingt es nicht, eine Achse zu bilden, die auch mit Leistung vorangeht. Torhüter Hitz hält unmögliche Bälle und streut dann wieder einen genau so unmöglichen Schnitzer ein und im Sturmzentrum funktioniert kein Spieler wirklich gut.

An der Entlassung von Ludovic Magnin überraschen dann auch nur zwei Dinge: Der Zeitpunkt und die Wahl des Nachfolgers.

Dass Magnin am gleichen Wochenende entlassen wird, an dem im emotionalsten und traditionsreichsten Derby des Schweizer Fussballs der FCZ in Zürich per Last Minute Treffer spektakulär 4:3 besiegt wird (drei Treffer von Shaqiri und eine Torbeteiligung), legt offen, dass die Entlassung schon zuvor beschlossen ist und die entsprechenden Gespräche schon geführt wurden. Dumm nur, dass die Mannschaft in diesem Spiel so deutlich zeigt, dass sie alles andere als gegen ihren Trainer spielt und eine Moral besitzt, die er weiter kitzeln könnte…

Doch mit der Ankündigung des Trainerwechsels gelingt es der Führungsriege des FC Basel aus einem ganz anderen Grund, alle Experten zu erstaunen: Nachfolger von Magnin wird ein anderer ehemaliger Nationalspieler, der gar Captain der Nationalmannschaft war und mit Juventus Turin unter anderem sieben Meisterschaften gewann:

Stephan Lichtsteiner – Als Spieler ein Profi, als Trainer ein Amateur

Lichtsteiner hatte eine tolle Karriere als Spieler, die man unter das Motto stellen kann: Wie man ein Optimum aus seinen Möglichkeiten macht. Mit einer Top-Einstellung und entsprechendem Siegeswillen war er zeitweise gar Captain der Nationalmannschaft – und auch da in fast allen Rollen meist unbestritten. Ein Beispiel und eine Triebkraft für die Wertsteigerung der Schweizer Nati.

Aber als Trainer? Sie kennen ihn beim FC Basel als früheren U-16-Trainer, und da soll er gute Arbeit geleistet haben. Und sie sagen, dass sie ihn als U21-Trainer vorgesehen gehabt hätten. Aber nun überspringt Lichtsteiner auch diesen Schritt und wird direkt vom Amateurverein FC Wettswil-Bonstetten, einem Viertligisten, zum Cheftrainer beim FC Basel hinbefördert. Ein geradezu schwindelerregender Karrieresprung.

Die Perspektive?

Sie sagen in Basel, das wäre ein langfristiges Projekt, entsprechend lang läuft auch der Vertrag – bis Sommer 2029! Diese lange Vertragsdauer steht dafür, dass man dem Trainer und seinem Staff, der viel grösser ist als alles, was Lichtsteiner bisher als Chef geführt hat, Zeit und Raum geben will, sich und die Mannschaft zu entwickeln. Um so irritierender sind die Worte, die vor allem Lichtsteiner bei der Vorstellung wählt:

In Basel wollen sie gewinnen. Spiele, Meisterschaften, Cups. Nicht nur langfristig.

Richtig. Und Beweis dafür, dass er die Erwartungshaltung der Clubführung und der Entourage, der Fans und der ganzen Stadt richtig einschätzt – und für ein riesiges Selbstvertrauen, das ihn aber entsprechend schnell auf den Prüfstand setzt.

Die ersten drei Aufgaben heissen Pilsen im Europapokal – dann der klare Tabellenführer Thun in der Meisterschaft, dann geht es zum Viertelfinal im Cup nach St. Gallen. Es resultieren drei Niederlagen. Gegen eine erfahrene, defensiv stabile und geschlossene Mannschaft aus Pilsen ist der FCB chancenlos und ohne Spielideen. Und die Thuner zeigen auch im St. Jakob Park,
wie sehr Trainer und Mannschaft eine verschworene, harmonische Truppe sind. Sie sind das, was Basel werden will. Als Ergebnis eines langjährigen Prozesses, in dem es auch Rückschläge gab, nach denen man an Lustrinelli als Trainer festgehalten hat. Ob die das in Basel auch müssen und dann auch können? Die Frage sollte stehen bleiben… bis zur 90. Minute liegt der FCB auch im vierten Spiel mit dem neuen Trainer gegen den FCZ 0:1 zurück… und so lange die junge Zürcher Truppe genug Körner im Tank hat, sieht der FCB das gegnerische Tor meist nur aus der Ferne… die beiden Treffer in der Nachspielzeit und damit der erste Sieg führen zu einem Dammbruch der Emotionen, vor allem bei Lichtsteiner selbst. Wäre das Spiel 0:1 verloren gegangen, hätten sie in Basel feststellen müssen, dass sich nichts gebessert hat. Gefühlt zwei Torchancen daheim in den ersten 90 Minuten? Das kann nicht genügen.

Zur Fairness gehört auch, zu erwähnen, dass bei diesem Spiel bereits Philip Otele, bester Angreifer neben Shaqiri, und Jonas Adjetey fehlten. Der eine verliehen, der andere in die Bundesliga verkauft – mit finalen Erlösaussichten von mehr als 15 Mio CHF. Spieler verkaufen und versilbern können sie also immer noch.

Das nächste Spiel ist gerade gespielt. Der FC Basel hat auch in Sion verloren. Der österreichische Innenverteidiger Flavius Daniliuc, die letzte Säule in der Abwehr, in der 22. Minute verletzt ausgewechselt. Shaqiri in der Pause verletzt in der Kabine geblieben.

Sollte der FCB auf einen Alonso-Effekt in einer Swiss Miniature – Version gehofft haben, so ist er bisher in keiner Weise eingetreten. Grosse Trainertalente vermögen es, ihren neuen Mannschaften Hilfen an die Hand zu geben, an denen sie sich aufrichten können: Spieler reden dann davon, dass sie genau wissen, was der Trainer von ihnen verlangt und was zu tun sei. Von Basics wird dann gesprochen. Von der Taktik Lichtsteiners bekomme ich bisher vor allem die Tafel mit, auf der er am Spielfeldrand während dem Match seinen Spielern ihre Aufgaben zu erklären versucht. Dass er in die Köpfe seiner Spieler kommt, ist bisher nicht zu erkennen.

Gut möglich, dass Stephan Lichtsteiner auch die Anforderungen an die Kommunikation mit den Medien unterschätzt hat. Seine Analysen und Kommentare wirken hölzern und einsilbig.

Mehr Support für den neuen Trainer als für seine Vorgänger?

Eine Konsequenz aus der Magnin-Zeit haben sie in Basel allerdings gezogen: Sie haben mit Pascal Bader zeitgleich einen neuen Assistenztrainer eingestellt, der Lichtsteiner ein Vertrauter sein und seine Position stärken soll. Sportdirektor Daniel Stucki und Lichtsteiner sprechen von ihrer Überzeugung von diesem langfristigen Projekt. Zum langfristigem Denken würde gehören, dass Rückschläge geschehen können und verkraftet werden sollen.

Dieser Text soll nicht ein Bashing eines Jungtrainers sein. Fussball rein logisch zu erklären, ist eh nicht möglich, und wir, die wir uns meistens dann äussern, wenn die Spiele gespielt und die Resultate bekannt sind, haben es oft leicht – und liegen mit den Analysen doch oft falsch – wie die nächsten Spiele dann zeigen werden.

Aber eine Erwartung kann man dann schon noch formulieren:

Geht jetzt ein Ruck durch den Verein? Gerade jetzt? Schart sich die Vereinsführung hinter dem Projekt zusammen, und damit hinter dem Trainer? DAS wäre dann wirklich Support für den jungen Trainer und etwas, das ich ihm wünsche. Das würde bedeuten, dass man sich nun an die langfristig wirksame Arbeit macht und an Teamstrukturen arbeitet, an einem Teamgefüge, das auf dem Spielfeld ersichtlich wird. Und irgendwann muss der FCB auch als Durchlauferhitzer für Spitzentalente ein Gerüst beibehalten können, in welchem die Mannschaft solche Abgänge wie zuletzt auffangen kann. Es ist ein verflixt schmaler Grat – und Lichtsteiner wird in jedem Fall in sehr kurzer Zeit sehr viele weitere Erfahrungen machen.

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentare

* Eingabe erforderlich. Du musst vor dem Absenden die Vorschau ansehen. Hinweise zur Netiquette.





Formatierung für Links: "Mein Linktext":https://meinlink.com