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Gegen das Zeitspiel im Fussball

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Der frühere englische Profischiedsrichter Mark Clattenburg hat interessante Vorschläge unterbreitet, um gegen das Zeitspiel der Mannschaft vorzugehen, die das aktuelle Resultat über die Zeit schinden will. Gelegenheit auch, die Gründe aufzuführen, weshalb nicht längst die Nettospielzeit eingeführt worden ist?

Nettospielzeit wäre doch gerechter?!

Das Thema zeigt ganz wunderbar, dass der IFAB, die oberste Regelinstanz der FIFA, den traditionell auch etwas archaischen Kern des Fussballs nicht antasten will. Es geht nicht um Technik, sondern um Tradition, Spielfluss und Vermarktung – und eine klare Abgrenzung zu den amerikanischen Profisport-Ligen. Die Nettospielzeit führt dort dazu, dass die Spiele eher immer länger dauern, weil viel Werbung dazwischen geschaltet wird. Die Regelhüter vollen den Charakter des Fussballs als „laufende 90-Minuten-Sportart“ nicht antasten. Die IFAB betont, die Regeln müssten „auf der ganzen Welt akzeptiert“ bleiben – jede Annäherung an US-Sport-Logiken (NFL, NBA) wird mit grosser Vorsicht gesehen. Man fürchtet ein Spielgefühl aus lauter Mini-Sequenzen, Unterbrechungen und taktischen Pausen statt eines organischen Flusses über 90 Minuten. Viele im Regelumfeld sehen den Reiz des Fussballs gerade darin, dass er nicht komplett durchtechnisiert ist: Fehler, Zeitspiel, Psychologie gehören zum „Drama“.

Streng gerechnete Netto-Zeit würde zwar objektiv fairer, könnte aber etwas vom chaotischen, emotionalen Charakter des Spiels kosten. Einen stärker werdenden Druck, die Spielzeit anders zu bemessen, scheint es überdies zur Zeit nicht zu geben.

TV-Sender, Ligen und Veranstalter planen mit relativ stabilen Zeitfenstern

von rund 2 Stunden pro Spiel; ein flexibles Stoppuhr-Modell würde das unkalkulierbarer machen. Auch das Stadion-Erlebnis der Besucher ist auf ein klares Zeitfenster ausgelegt, gerade wenn die Besucher mit dem ÖV planen.

Regelanpassungen statt Stoppuhren

Statt auf Netto-Spielzeit setzt man ab dieser Saison auf strengere Nachspielzeiten, detailliertere Nachrechnungen für verlorene Zeit und Spezialmassnahmen, wie die 8-Sekunden-Regel für Torhüter, nach denen diese den Ball nach acht Sekunden aus der Hand geben müssen und sonst einen Eckball gegen sich riskieren. Nur habe ich noch kein einziges Spiel gesehen, bei dem ein solcher Eckball gepfiffen worden wäre – und der gefühlte Zeitgewinn durch verändertes Verhalten der Torhüter ist minimal.

Neue, schärfere Regelvorschläge von Mark Clattenburg: Ballbesitzwechsel

Da setzt jetzt der frühere englische Profi-Schiedsrichter Mark Clattenburg an, der im Talk-Format „The Overlap“ der Herren Scholes und Carragher in England zwei konkrete Ergänzungen vorgeschlagen hat, die gezielt das Zeitspiel bei Standardsituationen der führenden Mannschaft unterbinden sollen. Der Reiz daran ist nicht zuletzt, dass alle diese Vorschläge auch auf Amateurstufe angewendet werden können, während Zeitmessung viel mehr Aufwand bedeuten würde:

Einwurf:
Wer beim Einwurf zu lange trödelt oder vom falschen Ort wirft, verliert den Einwurf – Einwurf für den Gegner.

Ecke / Abstoss:
Wer die Ecke verzögert, verliert sie – Abstoß für den Gegner; beim Torwart kann ein zu lange ausbleibender Abstoß in eine Ecke für den Gegner umgewandelt werden.

Clattenburgs Kerngedanke dabei: Nicht mehr primär mit Verwarnungen gegen Zeitspiel vorgehen (die werden oft in Kauf genommen), sondern mit einem unmittelbaren Ballbesitz-Wechsel, der sofort weh tut und das Trödeln unattraktiv macht.

Dafür und Dagegen

Was mir daran gefällt, ist, dass, wenn der Schiedsrichter das anwendet, das dazu führt, dass in der Folge die Spieler den gleichen Entscheid kein zweites Mal riskieren wollen – der drohende Ballbesitzwechsel führt zu einer schnelleren Ausführung der Standards und damit zu einer Dynamisierung des Spiels. Clattenburg’s Logik: Wenn die führende Mannschaft das Spiel nicht mehr „töten“ kann, bekommt das Publikum mehr Fussball statt Schauspiel.

Kritiker fürchten, dass die Entscheidungen der Schiedsrichter zu noch mehr Diskussionen führen (dagegen wäre dann mit einer wieder angewendeten Captains-Regel zu antworten, nach der nur der Spielführer einer Mannschaft mit dem Schiedsrichter diskutiert…). Aber die Herausforderung, als Schiedsrichter objektiv wahrgenommen zu werden – die würde wohl grösser werden.

Einfache Auswege wie konsequentes Gelb oder strengere Nachspielzeit-Regeln erreichen vielleicht das gleiche Ziel mit weniger Eingriffen in die Spielstruktur? Interessant auch dies:

Viele Fans akzeptieren ein gewisses Mass an Zeitspiel als Teil der Dramaturgie eines Spiels; nimmt man es völlig heraus, verliert das Spiel auch ein Stück „Charakter“. Man denke zum Beispiel an den Underdog, der mit seinen beschränkten Mitteln versucht, seinen Vorteil über die Zeit zu bringen. Defensiv eingestellte Aussenseiter leben davon, ein Tempo zu diktieren, das dem Favoriten nicht passt. Nimmt man ihnen die Möglichkeit, clever Zeit von der Uhr zu nehmen, verschiebt man die Balance noch stärker zugunsten der Topteams.

Und zum Schluss noch eine Klage:

Gäbe es im Fussball eine andere Fehlerkultur, will heissen, eine grössere Akzeptanz für Schiedsrichter, und das Bestreben, die Fehler erst bei sich und seinem zu verbessernden Spiel zu suchen, wie man sie zum Beispiel im Rugby oder auch im Eishockey beobachten kann, dann wären solche Ideen wie die von Clattenburg sehr viel leichter anzuwenden…

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