Ball im Aus?
Nicht nur die Frage, ob ein strafbares Hands vorliegt, überfordert uns und die Schiedsrichter. Wer die Aus-Regel definiert hat, traut uns beinahe übersinnliche Fähigkeiten zu – die wir natürlich nicht haben.
Tennis ist nicht Fussball, und out ist folglich nicht gleich out. Während im Tennis der Kontakt und damit der Abdruck des Balles auf dem Feld zählt, muss der Fussball mit vollem Umfang über die Linie gelangt sein.
Die Sache mit der Optik
Das führt zum Ergebnis, dass im Fussball häufig zu Unrecht auf Einwurf oder Eckball entschieden wird: Unser Auge als Zuschauer wähnt den Ball im Aus, weil wir den Kontakt des Balles mit dem Boden im Blick haben. Schieds- und Linienrichter sind nicht in der Lage, die Situationen immer korrekt zu erfassen – sie müssten dafür ständig von direkt über dem Ball oder auf Ballhöhe – oder besser Balltiefe – an der Seitenlinie urteilen können. Worin auch die Erklärung für die Regel liegt: Der Spieler, der den Ball führt und auf ihn runter schaut, kann nicht beurteilen, ob noch etwas Rundes vom Ball die Linie berührt, aber er sieht und WEISS, wann der Ball in seinem Umfang die Linie komplett überschritten hat. Die Zeiten, als der Spieler daraufhin schuldbewusst die Hand gehoben hat, um den eigenen Fehler anzuzeigen, hat es womöglich nie gegeben… Die armen Kerle täuschen sich ja schon ständig bei der Frage, wer denn als letztes am Ball war. Gegner oder doch immer der Freund? Ach ja, in diesem Fall ist der fehlende Genderausgleich in der Formulierung bewusst gewollt – denn Frauenfussball, so hoffen wir alle noch immer, wird sich nicht so schnell entsprechend verderben lassen… oder?
Mögliche Abhilfe beim Toraus – wenn der Schiedsrichter nicht abgepfiffen hat.
Die Regel mag in der Falschauslegung nicht so fatal sein, wie die unselige Hands-Problematik, aber störend ist es dennoch. Und wie viele „falsche“ Ecken haben wohl schon zu Toren geführt? Die Torlinientechnologie, mit welcher Kameras die Torlinie ausmessen und von oben festhalten, ob der Ball die Torlinie vollumfänglich überschritten hat, gibt es ja schon, mit Vibrationssignal auf die Schiedsrichteruhr. Und es gibt womöglich die fairste und wichtigste Anwendung des VAR überhaupt in dieser Frage:
Das aktuelle Beispiel
Am Freitag, 16. Januar 2026 erzielt Ansgar Knauf auswärts in Bremen in der Nachspielzeit das 3:3. Zuvor sprintet sein Mitspieler Amaimouni zur Grundlinie, um einen Steilpass noch zu erlaufen. Er spielt den Ball zur Mitte. Direkt nach seinem Abspiel hebt der Linienrichter in seinem Rücken die Fahne. Aber Schiedsrichter Brand pfeift nicht ab, lässt das Spiel weiter laufen, und Knauff kann in der Mitte die Vorlage verwerten. Die Bremer machen auf den Linienrichter aufmerksam, doch nun hat der VAR die Möglichkeit, die Entscheidung mit allen Kamerabildern zu prüfen. Ergebnis: Der optische Eindruck des Linienrichters ist falsch, der Ball hat nicht mit vollem Umfang die Torauslinie überschritten, das Tor ist korrekt. Ich habe nachgesehen: Die Anregung des Kommentators, dem Schiedsrichter den Assist für das Tor zuzusprechen, wurde – natürlich – nicht umgesetzt. Auf dem Spielberichtsbogen ist Amaimouni aufgeführt. Aber Schiedsrichter Brand hat seinen Job sehr gut gemacht. Nur, wie bei ganz vielen anderen Situationen auch, bleibt festzuhalten: Wie soll ein Schiedsrichter solche Situationen ohne Kameraunterstützung korrekt entscheiden?
Es wird den semiprofessionellen und den Amateur-Fussball immer ausmachen, dass die Unvollkommenheit schlicht zu akzeptieren ist. Part of the game. Genau so wie jeder eigene Stockfehler und der des Mitspielers. Das wiederum gilt nicht nur für Amateure…
Kategorien: Fussball
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