Statistik beweist nicht alles
Die Grössten aller Zeiten sollten nicht nur der Statistiken wegen immer wieder erinnert werden – denn sie haben in ihrer Gegenwart ganz viele Menschen inspiriert und unvergessliche Momente erlebt und beschert.
Der Schweizer Franjo von Allmen ist der vierte Ski‑Alpin‑Star nach
Toni Sailer (AUT, 1956 in Cortina: Abfahrt, Riesenslalom, Slalom),
Jean‑Claude Killy (FRA, 1968 in Grenoble/Chamrousse: Abfahrt, Riesenslalom, Slalom) und
Janica Kostelić (CRO, 2002 in Salt Lake City: Kombination, Slalom, Riesenslalom, plus Silber im Super-G),
der drei Olympiagoldmedaillen an denselben Winterspielen geholt hat (Abfahrt, Super-G und Team-Kombi).
Und welche Person von ihnen allen ist nun die wirklich Allergrösste?
Im Sport spielen Statistiken eine grosse Rolle. Das Bedürfnis, DAS Herausstellungsmerkmal der aktuellen Lichtgestalt zu belegen, ist riesig, und dabei geht in jedem dieser Vergleiche ganz viel unter. Es gibt heute mehr Disziplinen und damit Chancen, die Leistungsdichte ist umgekehrt grösser, in der Abfahrt und im Slalom zu reussieren fast unmöglich, das Material viel perfekter, die Pistenpräparierung ganz anders, die Fördergelder früher nicht vorhanden – etc. etc. Ich würde vorschlagen, dass wir in der Bewunderung für die aktuell sensationellen Resultate eines von Allmen doch einfach zurück schauen und einmal mehr uns bewusst machen, wie aussergewöhnlich die früheren Ausnahmesportler eben auch waren. Und von Allmen kann sich dabei einmal eingehend erzählen lassen, wer dieser Jean Claude Killy eigentlich war? Der war dem jungen neuen König nämlich überhaupt kein Begriff. So verd… lange ist es her, dass dreimal Gold bei den Männern geholt wurde.
Wenn gerade jetzt eine Leistung als aussergewöhnlich erkannt wird
In allen Sportarten gehen wir mit der Zeit, und wirklich ein Gefühl haben wir für den Moment und die Generation, in welcher wir selbst gerade unseren Lieblingssport und seine Protagonistinnen verfolgen. Ganz wunderbar, wenn wir dann den Eindruck haben, gerade Einmaliges zu erleben. Doch es gibt ja viel mehr wirklich ganz, ganz besondere Geschichten an Titelwettkämpfen – Federica Brignone und Lindsey Vonn in Extremis, aber auch der abermals vierte Platz einer Wendy Holdener – so viele wachsen über sich hinaus und überwinden grösste Hindernisse – von Statistiken und Resultatblättern wird längst nicht alles eingefangen – und genau das macht es ja im Kern auch wirklich aus.
Das Musterbeispiel Tennis
Ich führe hier noch die Spielerei mit statistischen Daten aus dem Tennis an, weil wir doch gerade die Frage hinter uns haben, wer denn der beste Tennisspieler aller Zeiten sein mag? Der Erfolgreichste – das scheint geklärt zu sein. Aber selbst da: Wie sollen hier Zahlen wirklich Beweise liefern? Sie bilden so viele Tatsachen nicht ab. Zum Beispiel, dass Björn Borg mit 26 schon zurücktrat, dass André Agassi lange gar nicht nach Australien reiste, um die Australian Open dann bei seiner ersten Teilnahme gleich zu gewinnen (Borg hat da gar nie teilgenommen). Und wie sehr hat der Wunsch, die „wirklich Besten“ bis zum Schluss im Turnier gegeneinander spielen zu sehen, dazu geführt, dass, unbemerkt von der grossen Masse der Zuschauer, die Bedingungen sich gewollt verändert haben: Die Beläge sind einander angeglichen worden, der Rasen in Wimbledon wird heute anders geschnitten als früher, die Bälle sind langsamer, die Hartplätze auch – der Reiz, auf verschiedensten Unterlagen sich beweisen zu müssen, ist geblieben, aber es ist viel einfacher geworden, auf allen Plätzen zu reussieren. Und wer weiss noch, dass André Agassi seinen ersten Sieg bei den US-Open als Ungesetzter errang – weil die Nr. 20 der Welt eben schon nicht mehr Teil der Setzliste war – was bedeutete, dass die guten Spieler viel früher aufeinander treffen konnten? Heute werden nicht 16 sondern 32 von 128 Spielern gesetzt – kein unwesentlicher Unterschied – aber wir sind uns dessen nicht bewusst. Deshalb: Jede Zeit hat ihre Ausnahmekönner, und der Blick zurück sollte in jedem Fall mit dem entsprechenden Respekt erfolgen. So, wie es die meisten dieser Sportgrössen auch selbst halten.
Kategorien: Wintersport, Tennis
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