Hauptsache Sport

gewinnen und verlieren

Leandro Riedi hat schon viel erlebt (1)

von Kommentare 0

-

Der 24jährige Leandro Riedi hat schon eine besondere Schweizer Tenniskarriere vorzuweisen – und gleichzeitig eine Geschichte vom Umgang mit schweren Verletzungen, Selbstzweifeln und zusätzlich belastenden Auswüchsen seines Sports.

Er ist der letzte von sechs jungen Tennisspielern, die ich hier in unserem Projekt vorstelle: Wir wollen je drei Deutsche und Schweizer Tennisspieler mit erwiesenem Talent und entsprechenden Voraussetzungen in ihrer Karriere begleiten und immer wieder auf ihren Weg aufmerksam machen und dabei zeigen, welche Herausforderungen sich ihnen stellen und wie absolut nicht selbstverständlich Erfolge sind.

Anfänge und Aufstieg

Leandro Riedi wird am 27. Januar 2002 in Frauenfeld geboren und gilt früh als eines der grössten Talente im Schweizer Nachwuchs. Im wegen der Corona-Krise ausnahmsweise erst im Oktober 2020 ausgetragenen Junioren-Grand-Slam-Turnier von Roland Garros erreicht er das Finale im Einzel – sein grösster Erfolg als Junior und sein letzter Auftritt auf dieser Ebene. In einem historischen, ersten rein Schweizer Junioren-Grand-Slam-Final trifft er auf seinen Freund Dominic Stricker, den er zuvor auf Junior- und Future-Level mehrfach geschlagen hatte. Nicht aber diesmal. Trotz der klaren Niederlage spricht Riedi davon, wie „unglaublich“ es sei, Teil dieses Finals gewesen zu sein, und dass alle Schweizer Tennisfans sich auf diesen Tag gefreut hätten. Er sagt, es sei ein „cooler Moment“, an einem Stück Schweizer Tennisgeschichte mitzuschreiben – Worte, die zeigen, dass er diesen Tag eher als Startpunkt denn als verpasste Chance versteht.

Vom Junioren-Circuit auf die ITF- und Challenger-Tour

Ab 2020/21 wechselt er schrittweise auf die ITF- und Challenger-Tour. Auf der ITF-Tour gewinnt er mehrere M25-Turniere, unter anderem in Trimbach und Nottingham, was ihm das Selbstvertrauen und die Punkte gibt, um sich auf der Challenger-Tour zu etablieren. 2022 folgen in Helsinki (HPP Open) und Castel del Monte seine ersten beiden Challenger-Titel, beide als Hallenturniere auf Hardcourt, mit denen er in die Top 200 der ATP-Weltrangliste vorstösst.

Der Durchbruch auf der Challenger-Tour

Mit seinem aggressiven, druckvollen Spiel kann er Matches auch aus der Rücklage drehen – nicht zuletzt deshalb, weil ihm Experten attestieren, dass er auch über einen sehr guten Return verfügt. 2023 kommt er den Top 150 erstmals nahe, unter anderem dank weiterer Challenger-Finals und eines prominenten Sieges beim Hopman Cup gegen Holger Rune, zu diesem Zeitpunkt die Nr. 6 der Weltrangliste.

2024 legt er mit weiteren Challenger-Erfolgen nach, unter anderem Turniersiegen in Oeiras und Ottignies-Louvain-la-Neuve sowie dem Titel beim BW Open in Belgien gegen Borna Ćorić. Im August 2024 ist er als vorläufiges Karrierehoch auf Platz 117 der Weltrangliste zu finden – bevor die Verletzungsspirale mit den US Open 2024 einsetzt.

Schwere Knieverletzungen und der lange Weg zurück

Er verspürt in der zweiten Qualifikationsrunde der US Open 2024 einen stechenden Schmerz im rechten Knie. Eine Operation im September wird notwendig.

Nach einer zunächst guten Reha bereitet er sich Anfang 2025 zuhause in Biel mit Coach Yannick Steinegger vor, bis es bei einem falschen Schritt im Training erneut das rechte Knie erwischt. Es braucht eine zweite Operation. Für Spieler und Team ist das ein Schock, weil die erste Heilung eigentlich so gut verlaufen war.

In dieser Zeit verliert Riedi zeitweise das Vertrauen in seinen Körper: Er spricht später davon, dass er nicht mehr daran glaubte, wirklich zurückzukehren, und eher damit rechnete, nach jedem Turnier wieder fünf Wochen auszufallen. Zwischen Januar und April 2025 schaut er eigenen Aussagen zufolge praktisch kein Tennis, will mit dem Sport nichts zu tun haben – ein radikaler Schnitt, um mental überhaupt weiterzumachen.

Mentale Kämpfe und der Hass der Online-Wetter

Parallel zu den physischen Problemen kämpft Riedi mit massiven mentalen Herausforderungen. In einem Gespräch im „The Changeover Podcast“ beschreibt er die Zeit als die schwierigste seines Lebens und spricht offen von mentalen Problemen und fehlender Selbstliebe.

Er erzählt, dass er lernen muss, sich selbst wieder zu mögen und zu akzeptieren, und arbeitet dafür gezielt mit Psychologen. Dabei geht es um den Umgang mit Druck, eigenen und fremden Erwartungshaltungen. Dazu gehört auch die toxische Seite des modernen Wettgeschäfts im Tennis. Wie viele Profis wird Riedi regelmässig mit Hassnachrichten von enttäuschten Online-Wettern konfrontiert, die ihn nach verlorenen Tipps hemmungslos beleidigen. Er schildert etwa, dass er nach Niederlagen von enttäuschten Wettern Nachrichten bekommt wie „Ich hoffe, deine Mutter stirbt“, und macht klar, wie belastend dies ist – und wie häufig das vorkommt.

Bei den US Open 2025 geht er noch einen Schritt weiter, als er während eines Matches einen besonders lauten Zuschauer beim Stuhlschiedsrichter meldet. Der Mann, ständig am Handy, wirkt für Riedi eindeutig wie ein Wetter, der ihn „anfeuert“, aber in Wahrheit an seinem eigenen Einsatz interessiert ist – für Riedi ein Eindringen in seinen höchst persönlichen Arbeitsraum.

Er sagt später sinngemäss, die Kommentare des Fans seien „unangemessen“ gewesen, er habe keine Verbindung zu ihm gespürt und wollte einfach, dass er schweigt. Dass er den Mann entfernen lässt, ist ein bewusstes Statement: Er möchte keine Unterstützung von Leuten, denen es nur um Quoten geht und nicht um den Menschen auf dem Platz. Sein entschlossenes Vorgehen verstehen in dem Moment sicher nicht alle, aber es lässt sich erahnen, welch absurde Drucksituationen sich da aufbauen können und welche Auswüchse das Wettgeschäft und die Online-Beleidigungen angenommen haben.

Aber dieses US-Open Turnier wird auch zu seinem persönlich schönsten Erfolg:

Riedi spielt an demselben Ort, an dem er 2024 in der Qualifikation aufgeben musste. Jetzt erlebt er dort sein bisher grösstes sportliches Glück. Als Nummer 435 der Welt muss er in die Qualifikation, kämpft sich durch drei Runden und steht erstmals im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers. Das ist eben auch für die Wetter eine reizvolle Situation.

In Runde 1 gewinnt er sein erstes Match im Hauptfeld eines Majors gegen Pedro Martínez – bereits ein Meilenstein nach der langen Pause. In der zweiten Runde folgt dann das Match, das seine Geschichte weltweit bekannt macht: Gegen den als Nummer 19 gesetzten Francisco Cerúndolo liegt er zwei Sätze zurück, ehe er in fünf Sätzen 3:6, 4:6, 6:4, 6:4, 6:2 gewinnt.

Es ist nicht nur das Spiel, in dem er den Wettfanatiker von den Zuschauerplätzen entfernen lässt und danach die Konzentration wieder findert – es ist auch das Spiel, in dem er im fünften Satz die letzten fünf Spiele in Serie gewinnt, während der frustrierte Cerúndolo zunehmend den Faden verliert – eine der grössten Überraschungen des Turniers und, wie Riedi selbst sagt, der bis dahin beste Sieg seines Lebens.

Mit diesem Erfolg ist er in der Runde der letzten 32 der am schlechtest platzierte Spieler seit 25 Jahren am US Open, und das Preisgeld für die dritte Runde entspricht fast der Hälfte seiner gesamten bisherigen Karriere-Einnahmen. Der „Tages-Anzeiger“ spricht von einem „New Yorker Märchen“: Ein Qualifikant, der nach zwei Knieoperationen, mentalem Tief und Ranking-Crash plötzlich wieder auf der grössten Bühne der Tenniswelt für Furore sorgt.

Riedi schafft es schliesslich bis ins Achtelfinale und sichert sich damit rund 400’000 Dollar Preisgeld sowie die Rückkehr in die Top 170 – eine Belohnung für seine Leidensfähigkeit, wie Schweizer Medien betonen. Dabei klagt Riedi über sein lädiertes linkes Bein nach sieben Runden Hartplatztennis am Stück – aber Aufgeben kommt für ihn nicht infrage: Es sei ein Grand Slam, man müsse ihn ins Spital tragen, bevor er aufhöre.

Gerade in der Schweiz, wo die Nachfolge der grossen Generation um Federer, Wawrinka und Co. seit Jahren Thema ist, steht Riedi mit seiner kraftvollen Spielweise und seiner Offenheit für eine neue Generation, die verletzlich ist und darüber redet – und trotzdem auf dem Platz kompromisslos angreift.

Aber die Probleme im linken Bein klingen nicht ab. Er spielt im Herbst nur noch reduziert und fällt nach dem Turnier auch mental in ein Loch. Die erneuten körperlichen Probleme lassen die Ziele sogleich wieder in die Ferne rücken – und der Glaube ist ramponiert.

Dritte Operation im Herbst 2025

Im Oktober 2025 muss Riedi seine Saison vorzeitig beenden, weil eine weitere Operation nötig wird – die dritte innerhalb von 13 Monaten. Diesmal ist die Leiste betroffen.

Australien – und das bisherige Jahr 2026

Auf Instagram schreibt er: „Dritte Operation in 13 Monaten. Es tut mehr weh, als ich beschreiben kann, physisch und mental.“ Gleichzeitig formuliert er ein klares Ziel: „Australien 2026, das ist das Ziel. Das ist der Kampf.“

Im Januar 2026 steht Riedi in Australien vor seinem erneuten Comeback, will sich sportlich neu ausrichten und sich strukturell von Swiss Tennis lösen, ist voll im Training mit dem Ziel, physisch stabiler zu werden und aus der Verletzungsserie zu lernen.

Am Australian Open bleibt er in der zweiten Qualifikationsrunde hängen, ein weiteres Turnier muss er wegen einer Verletzung aufgeben. Positiv ist immerhin, dass es nicht erneut das rechte Knie ist, das ihm zuvor fast die Karriere gekostet hätte.

2026 steht Riedi bei sechs Siegen und acht Niederlagen. In Portugal erreicht er Ende Januar in einem Challenger-Turnier den Viertelfinal, den er verletzt aufgeben muss. Zwei Wochen später gewinnt er im Davis Cup gegen Tunesien ein Einzel. Er übersteht an vier Challenger-Turnieren zwei Mal die erste Runde, und er verliert an den grossen Turnieren in Indian Wells und Miami jeweils in der ersten Runde der Qualifikation in zwei Sätzen. Riedi ist aktuell die ATP Nr. 168. Sein herausragendes Ergebnis im letzten Jahr an den US Open bleibt noch bis Ende August in der Wertung

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentare

* Eingabe erforderlich. Du musst vor dem Absenden die Vorschau ansehen. Hinweise zur Netiquette.





Formatierung für Links: "Mein Linktext":https://meinlink.com