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Das Talent Henry Bernet braucht Geduld (1)

von Kommentare: 2

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Henry Bernet gilt aktuell als grösstes männliches Tennistalent der Schweiz. Seit Januar 2025 ist er Junioren-Grand-Slam-Sieger und tastet sich seither – mit Hindernissen – Schritt für Schritt an die Profitour heran. Er ist eines der sechs Tennistelente, die wir für Euch die nächsten Jahre verfolgen wollen.

Beginn im TC Old Boys Basel

Bernet wird am 25. Januar 2007 in Basel in eine tennisaffine Familie hinein geboren. Zum Tennis kommt er im Vorschulalter über seinen älteren Bruder. Im TC Old Boys Basel fühlt sich die ganze Familie wohl. Er ist Bernets zweites Zuhause. Hier ist das Umfeld familiär, die Wege sind kurz, und gleichzeitig hängt über allem ein Hauch grosser Geschichte – denn für viele Spitzenspieler war dieser Ort zumindest eine Durchgangsstation. Profis sind real, sie trainieren ein paar Plätze weiter, sind keine abstrakten Figuren aus dem Fernsehen.

2022 der Wechsel zu Swiss Tennis nach Biel, schnelle Erfolge

Sein Talent zeigt sich früh, so dass Bernet 15jährig ins Nationale Leistungszentrum von Swiss Tennis in Biel wechselt, um eine mögliche Tennis-Karriere professionell anzugehen. Nun dreht sich der Alltag endgültig schwerpunktmässig um Tennis, Schule und Regeneration.

In Biel lernt er, was es heisst, im System zu funktionieren: strukturierte Trainings, Physio, Athletik, aber auch die ersten internationalen Einsätze, die vom Verband koordiniert und begleitet werden. Die Juniorenturniere in Europa werden zur neuen Normalität, und aus dem Basler Clubspieler wird in kurzer Zeit ein Junior, den die internationale Szene zu registrieren beginnt. Die ITF-Juniorentour ist für Bernet zunächst wie ein Labor, in welchem die Versuchsanordnungen die gewünschten Resultate bringen: Neue Beläge, andere Mentalitäten, Reisen ohne Eltern – vieles ist neu, nicht alles ist glamourös. Aber die Resultate kommen schnell: Titel bei kleineren Turnieren, Finals und Halbfinals in der mittleren Kategorie, erste Punkte, die ihn Stück für Stück nach oben tragen. 2023 wir er U-16-Schweizer Meister im Einzel und Europameister im Doppel und erreicht im Einzel den EM-Halbfinal. Mehr als ein Dutzend ITF-Juniorensiege in Einzel und Doppel kommen hinzu.

Riesiges spielerisches Potenzial und erste grosse Bühnen

Was auffällt: Er gewinnt nicht nur mit Power, sondern mit Köpfchen. Bernet variiert, nimmt Tempo raus, zieht dann wieder an, nutzt Winkel und Spins, anstatt stumpf von der Grundlinie erdrücken zu wollen. Gerade auf Hardcourt wirkt sein Spiel erstaunlich reif – seiner relativen Schmächtigkeit zum Trotz – als würde er im Match immer einen Zug voraus sein. Diese Mischung aus Technik, Spielintelligenz und Ruhe macht ihn für viele Gegner unangenehm.

2024 debütiert Bernet bei den Junioren-Grand-Slams und ist Viertelfinalist in Roland Garros und Doppel-Halbfinalist an den US-Open. Hier zeigt er auch sichtbare Freude an kommunikativer Teamdynamik. Die guten Auftritte auf den Grand-Slam-Turnieren verändern auch in seinem Fall die Wahrnehmung im Heimatland: Aus einem vielversprechenden Junior wird „das nächste Schweizer Tennistalent“.

Junioren-Grand-Slam-Champion

Der Australische Sommer im Januar 2025 wird zum ersten Höhepunkt seiner Karriere. Schon das Vorbereitungsturnier in Traralgon deutet an, dass Bernet in Hochform nach Melbourne kommt. Er gewinnt das stark besetzte Junioren-Event, spielt sich in einen Flow, trifft im Spiel die richtigen Entscheidungen und setzt sie mit variablen Schlägen um.

In Melbourne selbst steigert er sich von Runde zu Runde. Er übersteht Drucksituationen, dreht Sätze, bleibt in den entscheidenden Momenten bemerkenswert kühl. Der Final gegen Willwerth ist dann eine Demonstration: Bernet dominiert in der beeindruckenden Margaret Court Arena mit präzisem Service, variabler Rückhand und Überraschungsmomenten am Netz und gewinnt unbedrängt in zwei Sätzen. Dabei wirkt er selbst wie viele der jungen Zuschauer wie ein Gymnasiast auf Klassenreise, der zum jungen Mann wird, der Schweizer Tennisgeschichte schreibt.

Medien und Gegner heben nach dem Australian-Open-Titel seine elegante, variantenreiche Schlagtechnik hervor; Schweizer Experten warnen vor überzogenen Vergleichen mit Roger Federer, die vor allem deshalb bemüht werden, weil Bernet die Rückhand ebenfalls einhändig spielt. Welche Erwartungen in ihn als zukünftiges Aushängeschild des Schweizer Männer Tennis gesetzt werden, zeigt sich auch daran, dass Henry Bernet in die Rolex Family aufgenommen wird.

Er hat auf der Junioren-Tour nun zwölf Begegnungen am Stück gewonnen und wird im März die Nummer 1 der ITF-Juniorenweltrangliste.

Langwierige Verletzung statt Momentum-Schub

Direkt nach dem Juniorentitel in Melbourne gönnt ihm sein Umfeld bewusst eine Wettkampfpause: Er soll „Luft holen“, zurück zur Trainingsbasis und in Ruhe den nächsten Schritt Richtung Profitour vorbereiten. Geplant ist der Einstieg über ausgewählte Challenger- und ITF-Turniere, beginnend mit einer Wildcard beim Hallen-Challenger-Turnier in Lugano, das Ende Februar sein erstes Profiturnier nach dem Junioren-Triumph markieren soll.

Wirklich ins Rollen kommt diese Phase aber nicht. In den Wochen nach Australien plagen ihn immer wieder Schmerzen im Brust- und Rumpfbereich, die er zunächst mit normaler Überlastung abtut. Erst ein MRI bringt die Diagnose: Stressfraktur einer Rippe – eine Verletzung, die er mit Geduld auskurieren muss. Sein Körper scheint muskulär eh noch nicht stabil genug für längere Turnierphasen bei den Männern.

Die sportliche Konsequenz ist brutal: Statt einer Serie von Resultaten nach einem Junioren-Grand-Slam-Sieg und entsprechenden Lehrstücken klafft eine Lücke. Die Bilanz der Monate nach Melbourne ist ein Dossier von abgesagten Turnieren. Die lange Unterbrechung hat den „Melbourne-Momentum“-Schub deutlich abgebremst.

Es dauert fast sechs Monate, bis Bernet wieder Turniere spielt. Der Eintritt auf die ITF World Tennis Tour der Männer bringt ihm im Herbst 2025 aber zwei M25-Titel auf Sand in der Schweiz, womit er sich erstmals in die Top 500 der ATP-Weltrangliste spielt. Auch bekommt er bereits ein Davis-Cup-Aufgebot, verliert dabei aber sein Einzel deutlich.

Begegnung mit Mensik

Im Rampenlicht steht er, mit einer Wildcard ausgerüstet, am ATP-500-Turnier, den Swiss Indoors in Basel, wo er sich gegen den 16 Monate älteren Tschechen Jakub Mensik sehr gut schlägt, schlussendlich aber in drei Sätzen verliert. Sein Auftritt macht Freude. Für Fans ist er der Typ Spieler, dem man gerne länger zuschaut, weil es immer wieder Momente gibt, in denen er Lösungen findet, die nicht im Lehrbuch stehen. Aber mir zeigt das Spiel auch ein „Problem“ auf:

Sein Kontrahent ist nicht viel älter, aber sein Auftreten bereits das eines etablierten Top-20-Spielers mit einer sehr starken physischen Präsenz. Der tschechische Hühne Mensik gewann als 19jähriger sensationell das Masters-1000-Turnier, wo er eine ganze Reihe von Top-10-Spielern und im Final auch noch Djokovic schlug. Er ist heute denn auch die Nr. 13 der Welt – er hat seinen Erfolg stabilisieren können, weil er die körperlichen Voraussetzungen dafür hat. Wer mit Bernet träumt, darf das tun. Sein Talent ist unbestritten, seine entsprechenden Möglichkeiten sind vorhanden – aber die körperliche Entwicklung erfordert Zeit, was bedeutet, dass auch mentale Wettkampfhärte nur schwer aufgebaut werden kann. Ist Bernet dann am Start, ist der Druck, den er sich vielleicht selbst macht, um so grösser.

Ein Team mit Erfahrung

Bernet hat erfahrene Betreuer. Im Zentrum stehen zwei Coaches: Severin Lüthi, langjähriger Coach von Roger Federer, und Sven Swinnen, der zuvor bereits Dominic Stricker auf die Profitour begleitet hat. Dazu kommt die Management-Agentur Starwing Sports, die unter anderem Stan Wawrinka betreut und Erfahrung mit dem langsamen, kontrollierten Aufbau junger Spieler mitbringt.

In Interviews betont Lüthi zwei Prinzipien, die den Umgang mit Bernet prägen sollen: Erstens, die Federer-Vergleiche früh zu entschärfen – „Henry wird nie derselbe Spieler werden wie Roger“ –, und zweitens, Ungeduld zu vermeiden. «Mehr ist nicht immer besser», sagt Lüthi, und warnt davor zu glauben, allein das „beste Team“ mache automatisch den besseren Spieler; entscheidend sei, dass ein 18-Jähriger nicht im Eiltempo „verbrannt“ wird. Die Rippenverletzung und die bewusst lange Pause werden aus dieser Logik heraus genutzt, um ihm Geduld beizubringen: Belastungssteuerung, gezielte Turnierplanung, klare Langfristperspektive statt maximaler kurzfristiger Präsenz.

Die bisherige Bilanz von Henry Bernet 2026: 7 Spiele, 6 Niederlagen. Henry hat noch viel Zeit. Aber er braucht sie auch.

Sechs Tenniskarrieren per 19. März 2026:

Name geb ATP
Leandro Riedi 2002 162
Justin Engel 2007 185
Dominic Stricker 2002 321
Henry Bernet 2007 494
Max Schönhaus 2007 529
Niels McDonald 2008 1035

Kommentare

  1. Jan

    Bernet scheint mir körperlich noch etwas Zeit zu brauchen. Aber das kommt schon noch.

  2. Sechser (Autor)

    Ich hoffe es. Die Rippenverletzung hat ihm beim redlichen Versuch, körperlich aufzuholen, nicht geholfen…
    Überhaupt schon auffällig, dass alle drei Schweizer Tennishoffnungen, Bernet, Riedi, Stricker, körperlich grosse Schwierigkeiten haben. Dann ist da auch noch Jérôme Kym ein spannender Kandidat – der ebenfalls Verletzungspech kennt…

Kommentare

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