Fan und Chauvi - parteiisch sein ist okay
Fussball vermag wie kein anderer Sport die Menschen zu mobilisieren. Die Kontinental- und Weltmeisterschaften der Nationen sind die Gassenhauer schlechthin. Alle drei deutschsprachigen Nachbarländer haben sich für die WM qualifiziert. Herrlich ist das! Und eine Gelegenheit, zu zeigen, wie wir auf diesen Seiten mit unserer eigenen Parteilichkeit umgehen wollen.
Wir Kleinen haben aufgeholt
Ich bin Schweizer und schaue gerade im Sport häufig mit langem Hals über die Grenze nach Norden. Wie viele Schweizer Fussballfans interessiere ich mich für die Fussball-Bundesliga. Die Zeiten sind mir noch präsent, als kaum ein Eidgenosse für einen deutschen Bundesligaverein spielte. Fussball unter Nationalmannschaften war ein Spiel elf gegen elf, an dessen Ende die Deutschen gewannen. Das hat nicht nur die Engländer und Gary Lineker genervt. Für uns kleine Schweizer war das entsprechend hohe Selbstverständnis der Deutschen schiere Arroganz. Dummerweise gaben ihnen die Resultate recht.
Das ist heute ein bisschen anders. Wir haben aufgeholt. Und die Österreicher erst recht. In den letzten 44 Jahren waren zuvor nur 1982 (Spanien) und 2018 (Russland) alle DACH-Verbände an der Endrunde dabei.
Das eigene Nationalteam lässt seine Landsleute nicht kalt
Wohl die meisten von uns verfolgen die Leistungen der eigenen Nationalmannschaft mit besonderem Interesse. Mir sind jene ein wenig suspekt, die sagen, wer gewänne, sei ihnen egal, wenn das eigene Land beteiligt ist, oder vielleicht noch schlimmer, sie langweilen mich fast ein bisschen.
Wenn wir mit einem Team mit fiebern, mit einem Athleten besonders mitgehen, gibt das dem Zusehen die Würze. Daran, wie wir gewinnen und verlieren können, erkennt man nicht nur bei Aktiven, sondern auch bei Zusehenden die Persönlichkeit. Ein Fan braucht kein Fanatiker zu sein, ein Landsmann kein irritierender Chauvinist. Es gibt Fan-Gruppierungen, die diese Balance nicht hin bekommen, und andere, die einfach mal grundsätzlich sympathisch sind. Schottische Fussballfans können feiern, auch wenn sie verloren haben – nur diese Kunst üben können sie nach eigenem Geschmack viel zu oft… Die Holländer sind nicht nur wegen ihrer orangen Fanklamotten unübersehbar – sie sind regelmässig auch sehr Viele… und in der Tat haben sie, gemessen an der Landesgrösse, sagenhafte Erfolge eingefahren – was man neuerdings auch von den Schweizern sagen kann. Und das tut gut.
Nur eine Mannschaft gewinnt. Aber nicht alle andern sind Verlierer.
Es ist einfach so:
Wenn Schweizer oder Österreichische Fussballer etwas gewinnen und wir dann davon schwärmen, dann fühlt sich das für uns, so beobachte ich es, anders an als für die Deutschen.
Dadurch, dass ich als Schweizer zu einer kleinen Nation gehöre, bin ich das Verlieren gewohnt. Manchmal beobachte ich meine deutschen Kolleginnen und Kollegen und sehe, wie sie als Anhänger ihrer Mannschaften mit Siegen umgehen: Wenn Siege einfach zur Bestätigung einer Erwartung verkommen, vermag ich als Anhänger den Erfolg nicht gleich zu feiern, wie wenn „wir“ endlich mal etwas gewinnen – oder zumindest sehr weit kommen. Aber das deutsche Selbstvertrauen hat tiefe Risse bekommen – auch die Kommentatoren hören sich ganz anders an als noch vor zehn Jahren. Wenn Deutschland es also schaffen sollte, im kommenden Sommer endlich mal wieder sein Potenzial abzurufen, wäre das eine Erlösung und die Freude entsprechend gross: Das nicht Selbstverständliche ist das Besondere. So hoffen wir alle doch zusammen, dass es im Sommer alle drei Länder weit bringen.
Unsere Eigenheiten machen uns aus, auch wenn wir zusammenkommen.
Ich finde, für alle sollte gelten, dass Fussball und andere beachtete Sportarten eine Gelegenheit sind, sich in einem Land zusammen auf oder über etwas zu freuen. Und ich bin sicher, dass es grundfalsch ist, das schlecht zu finden. Ich habe nie aufgehört, in meinen Bekannten die Deutschen, Italiener oder Franzosen zu sehen, genau so wie die Welschen, die Thurgauer oder die Luzerner. Die Eigenheiten der Herkunft sind unsere Vielfalt, und schlussendlich sind wir in unseren Ländern sozialisiert worden. Europäer kann ich nur als Deutscher oder Schweizer sein. Nur dann ist es echt und tragbar. Ich verbinde mich in meinen Interessen und Bedürfnissen mit anderen – aber ich behalte als Ostdeutscher, Pole oder Tscheche einen anderen Blick auf die scheinbar gemeinsamen Dinge. Und das muss eingestanden werden.
Im Sport können wir uns messen, können wir wettkämpfen und gemeinsam feiern, siegen und verlieren und einander gratulieren. Und die kleinen Siege können grosse sein und umgekehrt. Denn morgen ist bereits die nächste Gelegenheit. Was in Deutschland an der WM 2006 (das „Sommermärchen“) und an der EM 2024 von den Fans gelebt wurde, ist ein Stück Europa, so, wie es möglich und gesund ist. Und entsprechend mitreissend war auch der Fussball.
Es gibt immer ein nächstes Mal. Und so ist alle Aufregung nur ein Moment. Schlussendlich bleibt es ein Spiel, das uns immer wieder mobilisieren kann.
Die Resultate sind für alle, ob Grosse oder Kleine, das Resultat von Regeln, unter die wir uns begeben haben. Das nächste Mal schlagen wir Schweizer die Engländer. Und sie werden uns so fair gratulieren, wie wir es an der EM 2024 im Viertelfinal getan haben. Stimmt, wahrscheinlich verlieren wir wieder. Aber irgendwann… und diese Möglichkeit verliert nie seinen Reiz, und dann…. werden wir so feiern, wie die notorisch Erfolgreichen es längst verlernt haben. Und wir werden stolz sein, Schweizer zu sein. Sind es gerade eh. Weil wir uns doch eigentlich echt gut schlagen. Was soll an solchen Deutschen, Österreichischen oder Schweizer Gefühlen falsch sein?
Am Ende war es ein Fussballturnier. Und das Fest geht weiter. Sport verbindet. Und was anderes lassen wir als Fundament nicht zu. Deshalb geht es immer auch um das Wie. In Sieg und Niederlage. Wenn das bis zum Schluss alle begreifen, verträgt es auch den amerikanischen Präsidenten, selbst wenn dieser den Weltpokal als Erster in die Höhe stemmen sollte.
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