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Der FC St. Gallen zwischen Jubel und Drama

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Der FC St. Gallen ist der älteste Fussballclub auf dem europäischen Festland, der in der höchsten heimischen Liga spielt. 2029 feiert er sein 150jähriges Bestehen. Mehr Tradition geht nicht. Und viel mehr Drama geht wohl auch nicht mehr.

Wie ein Aufruhr die Ostschweiz erschüttert (hat)

In allen gängigen Medien ist bereits viel über die aktuellen Ereignisse geschrieben worden. Der Versuch, die Chronologie, so, wie sie mittlerweile gesichert erscheint, zusammenzufassen:

  • Ausgangslage: Der FC St. Gallen hat einen Vereinsvorstand unter dem Präsidium von Matthias Hüppi, welche den Fussballclub als Verwaltungsrat führt. Daneben gibt es ein Aktionariat, das über eine Event-AG mit Grossaktionären den Club finanziell trägt. Als Matthias Hüppi das Präsidium vor gut acht Jahren übernahm, waren diese Personen mit ihren finanziellen Engagements die Voraussetzung, dass der in grosser Schieflage schlingernde Club die Chance auf Stabilisierung bekam. Der Verwaltungsrat unter Hüppi hat dieses Vertrauen gerechtfertigt, den Club mit grossem persönlichen Einsatz stabilisiert und als Identifikationsobjekt in der ganzen Ostschweiz verankert. Der Zuschauerschnitt ist um 50% angehoben worden, die Spiele sind vollständig oder praktisch ausverkauft, der Club scheint finanziell so gesund, wie es ein Profi-Fussballclub in der Schweiz wohl überhaupt sein kann.
    Thoma, einer der Hauptaktionäre, präsidiert den sog. Ambassadorenclub, der zusätzlich zu den Sponsoren Donatorengelder generiert.
  • Das Prinzip, das Hüppi immer verfochten hat, und das er unter anderem mit dem Verweis auf grundlegende Werte meint, ist, dass Aktionariat und Vereinsleitung von einander getrennt operieren sollen. Geld soll nicht befehlen, sondern dienen: Er und der Verwaltungsrat stehen durch das Vertrauen des Aktionariats in der Verantwortung, die zur Verfügung gestellten finanziellen Mittel sinnvoll einzusetzen.
  • Im letzten Herbst nimmt auf Druck der Grossaktionäre mit Patrick Thoma einer von ihnen im Verwaltungsrat Einsitz. Dass das nicht im Sinne Hüppis ist, dürfte bekannt gewesen sein, der Wille des Aktionariats war aber durchsetzbar, und die Parteien hatten sich zu arrangieren.
  • Das scheint aber nicht wirklich gelungen zu sein. Die Streitpunkte bleiben bis heute abgesehen von Andeutungen im Dunkeln. Im Kern geht es wohl um die Tatsache, dass ein wirtschaftlicher Plafond erreicht wird. Die Einnahmen lassen sich innerhalb der bestehenden Event-Struktur kaum mehr weiter steigern. Der Verwaltungsrat steht unter dem Druck, die Kosten für das Kader betreffend Transfers und Gehalt ausgeglichen zu halten, das Aktionariat scheint umgekehrt eine Vorwärtsstrategie zu fordern, ist wohl bereit, mehr Geld zu geben für eine Aufwertung des Kaders – und will dafür mehr Einfluss auf die entsprechenden vereinsinternen Entscheidungen nehmen.
  • Im März wird zwei bestehenden Verwaltungsräten mitgeteilt, dass das Aktionariat sie an der nächsten GV nicht mehr zur Wiederwahl vorschlagen wird, worauf Ende März die übrigen Verwaltungsräte ausser Hüppi und Thoma solidarisch ihren Rücktritt ankündigen. Hüppi hat Kenntnis, dass man mit ihm weitermachen will, lässt das Aktionariat aber scheinbar ohne klare Auskunft über seine Bereitschaft im Ungewissen. Dass er die Einmischung der Grossaktionäre nicht will, ist wohl jedem klar. Hüppi hält jede öffentliche Debatte unter dem Deckel.
  • Dem Vernehmen nach hatte der Verwaltungsrat dem Aktionariat verschiedene Massnahmen und Schritte für die Zukunft vorgelegt, während das Aktionariat eine Vorwärtsstrategie wünschte, ohne dass wir bis heute genau wüssten, worin die bestehen soll. Beide Seiten bemängeln die fehlende Kommunikation und beklagen, dass auf die Vorschläge nicht eingegangen wurde.
  • St. Gallen wird Vizemeister, die beste Klassierung seit dem Meistertitel 2000, und dann erfolgt im Cupfinal im Berner Wankdorf die Krönung: Der erste Cupsieg seit 57 Jahren ist Tatsache. Bern und das Wankdorf-Stadion in grün weiss, die ganze Stadt St. Gallen im Ausnahmezustand. Hüppi als Symbolfigur, die für den aktuellen FSSG 1879 steht, am Ziel einer emotionalen Achterbahnfahrt, die er wohl wie kaum ein anderer auch selbst so empfindet und durchlebt.
  • Aber erst wenige Minuten nach dem Schlusspfiff wird bekannt, wie sehr: Hüppi gibt SRF live auf dem Platz ein Interview, sichtlich bewegt und emotional tief aufgewühlt. Er spricht von extrem herausfordernden und belastenden letzten Monaten, in denen es darum gegangen sei, die Mannschaft vor Unruhe zu schützen und hält fest, dass es unglaublich sei, dass in den Momenten vor den grössten Erfolgen des FC St. Gallen nicht alle Kräfte bedingungslos hinter dem Verein gestanden wären. Auf den Rängen entrollen die Fans ein Spruchband, auf dem den vier Verwaltungsräten, die vor der Demission stehen und Matthias Hüppi gedankt wird.
  • Nun ist der FCSG, der zum FC Ostschweiz geworden ist, das medial absolut dominierende Thema – mit Jubelbildern von der Cupsiegerfeier einerseits, erneut mit einem Präsidenten Hüppi, der davon spricht, dass der Club auf den Werten basiere und an ihnen festhalte, die ihn so stark gemacht hätten – an der Basis und ihnen allen, den Fans. Das Aktionariat sieht sich komplett in die Defensive gedrängt. An die Medien dringen die neuen Namen für den Verwaltungsrat durch, darunter mit einem Ex-Regierungsrat auch eine Persönlichkeit, die fürs Präsidium portiert wird. Der steht auch für ein Fernsehinterview zur Verfügung, in dem er sich „viel Gutes für den FC St. Gallen“ zutraut.
  • Praktisch im Stundentakt wird am Folgetag von intensiven Gesprächen hinter den Kulissen zwischen Hüppi, Thoma und dem ganzen Aktionariat berichtet.
  • Besonders bemerkenswert ist, wie sich die Politik zu Wort meldet. Die Regierungen der Stadt und des Kantons sowie das Parlament zeigen sich besorgt und fürchten die Beschädigung des Vereins, der ein wichtiges Bindeglied für die Integration aller Menschen in der Ostschweiz sei, in einem Kanton, der sonst eher mit zu vielen heterogenen Gruppen zu kämpfen hat.
  • Gleichzeitig wird bekannt, dass jene Grossaktionäre, die als treibende Kräfte für die Veränderungen gelten, massiv bedroht werden, nicht nur auf Social Media, sondern ganz real, und darum Polizeischutz benötigen.
  • Am nächsten Tag findet eine Pressekonferenz statt mit einem Teil des Aktionariats und Matthias Hüppi. Der Kreis der Grossaktionäre verkleinert sich von zehn auf sechs Personen. Vier Grossaktionäre, darunter Patrick Thoma, veräussern ihre Anteile an die bleibenden Aktionäre und scheiden selber aus. Die vier Verwaltungsräte ziehen ihre Demission zurück und machen mit Hüppi weiter.
    Ob Patrick Thoma Präsident und Mitglied des wichtigen Ambassadoren-Clubs bleibt, ist nicht bekannt. Hüppi hofft darauf.
  • Die Vorgänge fordern geradezu eine Nachsorge für einen Verein, der als vollkommen gesund galt, und nun eine Eruption abseits des Platzes erlebt hat, die beispiellos ist. Auch jetzt ist es Matthias Hüppi, der vor die Mikrofone steht:
    Es ist ihm nie um Machtfragen gegangen sondern nur um die Verantwortung, der er sich verpflichtet fühlt. Er ziele nie auf den Mann (oder die Frau), es gehe nur um die Sache, und er verurteilt nochmals die Bedrohungen für Leib und Leben der Aktionäre um Patrick Thoma. Hüppi will weitermachen, bis eine Nachfolgeregelung im Sinne des Vereins gefunden ist.

Die Verdienste des Präsidenten

Matthias Hüppi hat für diesen Club enorm viel geleistet, mit einem stets hohen persönlichen Einsatz und Durchsetzungskraft in der Ausrichtung der sportlichen Führung. Das Gesicht des FC St. Gallen hat auch glaubwürdig vorleben können, dass sportliches Führungspersonal auch in einer kritischen Phase nicht gleich ausgetauscht wird.
Er ist eine national bekannte Persönlichkeit durch seine Jahrzehnte dauernde Karriere als Sportmoderator und emotionaler Kommentator der alpinen Männerrennen. Die Kombination mit dem analytischeren, ruhigeren Bernhard Russi hat optimal funktioniert.
Sein Abgang beim Schweizer Fernsehen war eine Überraschung, und seine neue Aufgabe als Präsident des FC St. Gallen das, was Hüppi als Motor für sein Tun braucht: Eine Herzensangelegenheit. Das ist ihm ohne Wenn und Aber abzunehmen, und er personifiziert heute als Identifikationsfigur DEN Sportclub in der Ostschweiz, eine Region, die sich schnell mal benachteiligt und zurückgesetzt fühlt. Daraus wächst aber auch das Bindegewebe, wenn jemand mit demonstriertem Selbstbewusstsein eine entsprechende Haltung vorgibt. Und Hüppi hat seine Mission eines gut strukturierten, basisorientierten, vernünftig wirtschaftenden Profi-Vereins in die Region hinaus getragen, den Club und seine Spieler bewusst auch in den ländlichen Regionen auftreten lassen.

Das leidige Geld und wer es warum gibt oder investiert

Hüppi hat im Nachgang mehrfach betont, dass es die Männer um Patrick Thoma brauchte, damit das Projekt überhaupt starten und der Verein auch finanziell gesunden konnte. Sie haben das Geld investiert und dem Konzept und seinem Macher vertraut und er hat entsprechend geliefert. Die optimierte Infrastruktur ist heute für Vereinsaktivitäten praktisch ausgelastet, das Stadion ist voll. Die Mannschaft hat die Chance, international zu spielen, aber der Weg bis an den Punkt, an dem dies wirtschaftlich interessant ist, wird für Schweizer Clubs immer länger und bleibt entsprechend ungewiss – und wurde in der Vergangenheit nicht erreicht.

So richtig benennen, worin in der Sache die Differenzen wirklich eskalierten, kann womöglich bis heute niemand, weil die Informationen hierüber sehr spärlich sind oder allgemein gehalten werden. Ich kann mir aber vorstellen, dass unternehmerisch denkende Menschen gerade im Erfolgsfall voraus blicken und die Frage, wie es weiter geht, und das bedeutet eben auch weiter aufwärts geht, positiv beantwortet haben möchten. Stillstand ist der Beginn des Niedergangs.

Inmitten von Mutmassungen bleibt die Deutungshoheit medial naturgemäss beim Protagonisten, welcher die öffentliche Wahrnehmung dominiert. Hüppi hat die Macht des Volkes gebraucht, um eine Entwicklung zu verhindern, von der er überzeugt ist, dass sie dem Verein schadet.

Welche Inhalte standen wirklich zur Debatte? Die Seite des Aktionariats hat von Anfang an eine ganz schlechte Kommunikation betrieben. Dass nachträglich beurteilt wird, das Aktionariat wäre sich eh in sich uneins gewesen, gilt nicht unbedingt für den März, denn da hat es keinen offenen Widerstand gegen den Entscheid, zwei Verwaltungsräte nicht mehr zur Wahl vorzuschlagen, gegeben. Die Entwicklung in der Folge hat aber ganz sicher bewirkt, dass es schnell unterschiedliche Ansichten über das weitere Vorgehen gab. Nun ist es eine Tatsache, dass Financiers die Öffentlichkeit gewiss nicht mit am Tisch bei Verhandlungen haben wollen, aber im aktuellen Beispiel sollte sich der FC St. Gallen bewusst sein, dass ein grundsätzliches Problem bestehen bleibt, das alle Fussball-Proficlubs der Schweiz einer Zerreissprobe aussetzen kann: Die im Grunde unberechenbare Wirkung der Masse.

Hüppi sagt, er ziele nie auf Personen. Mit Verlaub, Herr Hüppi, die Art, wie Sie im Platzinterview Ihr Unverständnis über Teile des Aktionariats geäussert haben, und die Formulierungen, die sie wählten, haben eine Art Verrat suggeriert, und das hat den Volkszorn befeuert. Dass Sie sich der Wirkung Ihrer Worte nicht bewusst waren, müssen Sie keinem Medienschaffenden erklären wollen.

Hüppi hat die Menschen hinter sich. Darunter sind sehr viele gute Kräfte, die sich aus tiefer Sympathie für den Verein Fussballfeste wünschen und den Zusammenhalt in der Fankultur geniessen. Aber es gibt auch Teile, welche schnell mal in Wut geraten können, und das Drama, das dann erst innerlich empfunden und dann äusserlich befeuert wird, ist ein Druckelement, von dem ich überzeugt bin, dass es hier mit Kalkül ausgespielt wurde.

Das hat für den Moment den gewünschten Erfolg gezeitigt, aber es wird nicht alles so bleiben, wie es war. Bestehende und mögliche neue Geldgeber, Donatoren oder Investoren werden genau beobachtet haben, mit was sie unter Umständen zu rechnen haben. Und die vom Präsidenten gelebte Emotion ist ein nicht wirklich kalkulierbarer Faktor.

Will Matthias Hüppi, dass der Club von der breiten Abstützung auch der Firmen leben kann, so wird der FC St. Gallen noch mehr Präsenz in der Ostschweiz brauchen, auf Grossinvestoren verzichten, die auch in der Vergangenheit, also in der Zeit vor den heutigen Protagonisten, nicht gut für das Fundament des Vereins waren – aber es könnte Sand im Getriebe geben, denn einige der potenziellen zukünftigen Investoren dürften nachdenklich geworden sein – und sie haben wohl genauer auf das von Hüppi benutze Wording geachtet als so mancher Medienvertreter.

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