Hauptsache Sport

gewinnen und verlieren

Was macht(e) eigentlich Robin Söderling?

von Kommentare 0

-

Es gibt Namen, die auch in sportlich interessierten Kreisen nachhaltig haften bleiben, weil sie für einen besonderen Moment stehen – und dabei geht vergessen, was diesen Menschen als Sportler:in darüber hinaus ausgezeichnet hat. Robin Söderling ist einer von ihnen.

Tenniskarrieren zwischen Kontinuität und Überraschungserfolg

Es gibt Karrieren, die in einem einigermassen kontinuierlichem Prozess an die Spitze führen. Wir schauen auf die Spielerin, den Spieler, erkennen sein Talent, hören von seinem Weg und sehen die helle Zukunft. Und es gibt die Spieler, die plötzlich wie ein Komet am Tennishimmel erscheinen – und an die wir uns später entsprechend erinnern, ohne uns bewusst zu machen, dass sie viel mehr erreicht haben als dieses eine erinnerte Ereignis erzählt. Robin Söderling wird völlig zu unrecht reduziert auf den Spieler, der Roger Federer den Karriere-Grand-Slam ermöglichte. Das will ich hier ändern. Und doch mit diesem seinem grössten Sieg beginnen:

Achtelfinal in Roland Garros 2009, Rafael Nadal gegen Robin Söderling

Als der Schwede im Juni 2009 den Court Philippe-Chatrier zum Final gegen Roger Federer betritt, ist er der Spieler, der als erster Profi überhaupt Rafael Nadal in Roland Garros geschlagen hat (im Achtelfinal in vier Sätzen). RAFA war bis dahin vierfacher Champion in Paris und in 31 Spielen ungeschlagen geblieben. Seit dem Finale 2007 gegen Federer war es keinem Spieler überhaupt noch gelungen, Nadal auch nur einen Satz abzunehmen. Und einen Monat zuvor hatte Nadal Söderling in Rom mit 6:0 6:1 gedemütigt.

Söderling spielte maximal aggressiv, produzierte fast sechzig leichte Eigenfehler, schlug aber auf Sand gegen Nadal auch 73 Winner und überforderte den König von Paris mit seiner Entschlossenheit – und der grösseren Ruhe in entscheidenden Situationen.

Doch Söderlings Turnier war mehr als nur dieser eine Moment. Es war ein Durchmarsch mit Ansage. In den Runden zuvor hatte die aktuelle Nr. 25 der Welt Spieler wie David Ferrer und Nikolay Davydenko bezwungen, allesamt etablierte Grössen der Tour, die für ihre Konstanz und taktische Klasse bekannt waren. Söderling dagegen spielte, als gäbe es keinen nächsten Ballwechsel — flach, hart, kompromisslos. Ein Spielstil, der auf Sand eigentlich als zu risikoreich gilt, in diesen zwei Wochen in Paris aber zur Waffe wurde. Und der Schwede verkraftete auch das Highlight gegen Rafael Nadal physisch und mental und machte einfach weiter, bestätigte seinen Lauf.

Söderling erst im Final gestoppt

Im Final wartet Roger Federer. Für den Schweizer ist es mehr als nur ein weiteres Grand-Slam-Endspiel: Es ist die vielleicht einmalige Chance, den letzten fehlenden Titel seiner Sammlung zu gewinnen. Nadal ist draussen. Die Tür steht offen. Und Federer nutzt sie, selbst mit einem aggressiven Tennis-Repertoire gesegnet, stilsicher und fokussiert und genügend kontrolliert. In drei Sätzen setzt er sich durch. Was wir bis heute wissen:
Es blieb wie erwartet sein erster und einziger Triumph in Paris, der ihn endgültig in den Tennis-Olymp hob, und sein Gegner war der Aussenseiter Robin Söderling.

Söderlings Bestätigung ist heute vergessen

Wer weiss heute noch, dass dieser vermeintliche Underdog im Jahr darauf erneut im Finale stand? Wieder stark, wieder kompromisslos — und doch erneut geschlagen, diesmal von Nadal. Spätestens zu diesem Zeitpunkt scheint klar: Der Schwede ist kein Zufallsprodukt, sondern ein legitimer Topspieler seiner Generation, der Rang vier der Weltrangliste erreicht, sich in den Top 5 der Weltrangliste hält, Masters-Titel gewinnt, die Besten schlägt. In den Erinnerungen der meisten ist er eine Sternschnuppe, die wieder vom Tennishimmel verschwand. Die Wahrheit ist: Im Sommer 2011 schlägt das Schicksal zu.

Dann kommt der Bruch.

Im Sommer 2011, auf dem Höhepunkt seines Könnens, nach dem 10. ATP-Titel, dem Sieg in Bastad, wird bei Söderling das Pfeiffersche Drüsenfieber diagnostiziert. Die infektiöse Mononukleose taucht im Spitzensport immer wieder auf — und doch selten in dieser Konsequenz. Besonders misslaunig zeigt sich das Schicksal gegenüber Söderling, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass gerade sein Finalgegner Roger Federer ab Ende 2007 mit einer Nukleose zu kämpfen hatte, weiter spielte, weil die Diagnose erst im März 2008 feststand und damit ein noch höheres Risiko einging. Söderling wird später selbst beschreiben, dass er auf der Basis der Virusinfektion ein Übertrainingssyndrom ausbildete, was zu chronischer Erschöpfung und zu Phasen führte, in denen er nach jeder Belastung pausieren musste und teils sogar bettlägerig war. Daraus wurde ein langwieriger quälender Mix körperlicher Langzeitfolgen der Mononukleose (Fatigue, Belastungsintoleranz, teils auch Schilddrüsenprobleme) und psychischer Belastung bis hin zu Angstzuständen und Depressionen:

Comebacks werden angekündigt, verschoben, verworfen. Die Energie fehlt, die Belastbarkeit, das Vertrauen. Aus der Pause wird ein Stillstand, aus dem Stillstand ein schleichendes Karriereende. Vier quälende Jahre. Erst 2015 erklärt Söderling offiziell seinen Rücktritt. Und während ein Spieler wie Flavio Cobolli heute davon träumen darf, aus einem grossen Moment eine grosse Karriere zu formen, erinnert Söderling daran, wie schmal der Grat ist — zwischen Durchbruch und Bruch.

Manchmal reicht ein Turnier, um – beinahe – unsterblich zu werden, manchmal eine Krankheit, um für immer verletzt zu bleiben.

Söderlings Pech, Wawrinkas Glück

Der Trainer, welcher Söderling in die Grand Slam Finals in Roland Garros gecoacht hat, ist ein gewisser Magnus Norman. Sein Schützling kann nicht mehr – ein anderer möchte noch mehr können. Norman wird der Coach von Stan Wawrinka und schafft es, diesen taktisch und mental über die bisherigen Grenzen hinaus und zu drei Grand Slam Titeln zu führen. So ist auch der Erfolg des zweiten Schweizer Tennis-Superstars für immer mit Robin Söderling verwoben.

Was macht Robin Söderling heute?

Auch wenn die Krankheit sein ständiger Begleiter bleibt, ihn immer wieder zu Pausen zwingt, ist der Schwede Teil des Tennis-Kosmos geblieben. Er hat als Unternehmer eine eigene Marke „RS“ für Tennisbälle und Equipement für den Profi- und Amateurbereich gegründet, war ATP-Turnierdirektor in Stockholm, amtet als Kapitän oder Coach im Umfeld des schwedischen Davis-Cup-Teams und ist überhaupt im schwedischen Tennisverband eingebunden. Zudem ist er Botschafter für die Breitensport- und Schul-Sport-Initiativen von Djurgårdens IF in Stockholm. Möge er sein Leben mit allen Herausforderungen weiter meistern. Dabei erbringt er womöglich Leistungen, die genau so hoch einzuschätzen sind wie Turniersiege. Einfach ohne Applaus. Eine Inspiration, die Respekt verdient, kann er uns allen in jedem Fall sein.

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentare

* Eingabe erforderlich. Du musst vor dem Absenden die Vorschau ansehen. Hinweise zur Netiquette.





Formatierung für Links: "Mein Linktext":https://meinlink.com