Vorbildlich handeln ist schwerer als moralisieren
Noch ein Beitrag, der an konkreten Beispielen aufzeigt, warum sich Europas Fussball selbst an der Nase nehmen sollte. Dominic Wuillemin hat im Tages Anzeiger seine Abscheu deutlich formuliert. Ich gehe hier als Ergänzung zu meinem kürzlichen Text darauf ein.
Mit oder ohne Infantino: Europa hat selbst genug zu tun
Wenn sich der Machtmensch Gianni Infantino an der Spitze der FIFA halten kann, wird die Empörung in Europa wieder riesig sein. Hierzulande gefallen sich alle darin, den Verkauf des Fussballs und die überbordende Gier der Funktionäre anzuprangern. Aber der eigene „Moralausweis“ ist prekär genug…
Der Versuch der DFL, Vermarktungsrechte zu verkaufen. Hoeness war dafür.
Uli Hoeness ekelt sich mit dem Bayern-Sportvorstand Max Eberl nur schon ob des Gedankens, WM-Rechte an Investoren zu verhökern. Das ist scheinheilig, weil selbst jede Möglichkeit genutzt wird, den Fussball zu verkaufen: Hoeness war 2024 einer der lautesten Befürworter des Deals, den die Deutsche Fussball-Liga DFL plante: Sie wollte für 1 Milliarde Euro 8 Prozent ihrer Vermarktungsrechte für 20 Jahre an die CVC Capital Partners abgeben. Gescheitert ist der Deal am Widerstand der Fans, welche die Spiele unterbrachen, indem sie hunderte von Tennisbällen auf den Rasen warfen.
Die spanische La Liga mit Präsident Javier Tebas ist da schon weiter
Tebas hat genau das obige Modell schon 2021 umgesetzt und für 2 Milliarden acht Prozent der kommerziellen Rechte an die CVC abgetreten. Der Mann, der Infantino „der Zerstörung des eigentlichen Wesens des Fussballs“ bezichtigt, ist der gleiche, der seit Jahren beabsichtigt, spanische Ligaspiele in den USA auszutragen. Letzten Dezember hätte Villarreal in Miami gegen Barcelona antreten sollen. Die Fans gingen monatelang auf die Barrikaden und die Spielergewerkschaft beklagte die fehlende Transparenz. Tebas hat auch nichts dagegen, dass der spanische Supercup seit Jahren in Saudiarabien ausgetragen wird (die Italiener machen es genauso). Die frühere Kritik wegen fehlender Menschenrechte im Wüstenstaat korrigiert Tebas öffentlich: Der Deal mit den Saudis soll jährlich 40 Mio Euro einbringen… Es geht also überall und immer ums Geld, um immer noch mehr Geld, wenn wir von Spitzenfussball sprechen.
Die UEFA mit Ceferin
optimiert genau so ihre Geldflüsse. Aus den Kreisen der UEFA war die Kritik an einer WM mit 48 Mannschaften besonders gross. Dies, nachdem man selbst die Champions League aufgebläht und die Testspiele durch die Nations League ersetzt hatte.
Als die europäische Clubvereinigung unter Andrea Agnelli beabsichtigte, die Champions League als Königsklasse am Wochenende auszutragen, und die nationalen Ligen unter der Woche, hielt sich die UEFA mit Ceferin zurück – Ceferin ist Patenonkel einer Tochter von Agnelli, dem damaligen Präsidenten der Clubvereinigung. Aus dem Busch kam die UEFA erst, als die führenden Clubs eine europäische Super League gründen wollten und damit die UEFA maximal bedrohten.
Fazit
Die Gefahr, dass der Fussball ausverkauft wird, liegt in seinem kommerziellen Erfolg und der daraus entstehenden Gier begründet, und es gibt keinen Anlass, zu behaupten, dass die benötigte Charakterstärke in Europa eher vorhanden wäre als im Weltfussballverband.
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