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gewinnen und verlieren

Roman Josi ist gefordert

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So hat sich die Schweizer Nationalmannschaft und mit ihr alle Eishockeybegeisterten im Land die „Vorbreitung“ auf die Heim-WM gewiss in den schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können.

Die Leitfigur ist weg

Patrick Fischer hat öffentlich machen müssen, dass er wegen eines gefälschten Covid-Zertifikates 2023 rechtsgültig verurteilt worden ist. Er ist damit 2022 für die Olympiade in China eingereist. Zwei Tage nach seinem Instagram-Post ist er frei gestellt worden. Das Thema hat die öffentlichen Nachrichten in der Schweiz sofort beherrscht, und der Verband hat die Reissleine gezogen. Mehr als zehn Jahre der erfolgreichen Fischer-Ära sind abrupt beendet worden. Der bisherige Assistent Jan Cadieux, eh schon zuvor als Nachfolger nach der WM im eigenen Land bestimmt, hat sofort übernommen.

Die Anhänger dieses Teams stehen der Situation schon ohnmächtig gegenüber – wie mag es da den Spielern selbst gehen? Es war immer spürbar, dass diese Mannschaft, die drei Mal in den WM-Final vordrang und in der Weltrangliste aktuell den zweiten Platz einnimmt, über den besonderen Zusammenhalt und die hohe Priorisierung der Teambedürfnisse durch jeden Einzelnen so gut funktioniert. Und der Chef hat die Leitmotive vorgegeben, unterstützt von jenen Spielern, welche eh schon die Leistungsträger und damit die Spielführer auf dem Platz waren. Er hat von Anfang an gewagt, gross zu denken, hat alle angesteckt und das Leistungsniveau der Nationalmannschaft auf ein neues, noch nie dagewesenes Niveau gepusht.

Wie reagiert die Mannschaft neben und auf dem Eis?

Der Chef hat in seinem persönlichen Dilemma einen heimlichen Ausweg gesucht und seine persönlichen Dokumente fälschen lassen, um seine Gruppe in der Vorbereitung und am Turnier selbst führen zu können. Jeder im Staff und jeder Spieler stand vor den gleichen Vorgaben des olympischen Komitees, des Gastgeberlandes China und des IHF. Es ist anzunehmen, dass darüber zumindest im kleinen Kreis auch geredet wurde und der Zwang zur Impfung mehreren Gruppenmitgliedern höchst zuwider war. Es ist weiter anzunehmen, dass Fischer sich an solchen Gesprächen im besten Fall nicht beteiligte und ansonsten seinen persönlichen Ausweg für sich behielt. Etwas anderes anzunehmen, würde die Spekulationen aus der Büchse der Pandora frei setzen, die ich mir lieber nicht weiter ausmalen will…

Für die Spieler gibt es kurzfristig nur einen möglichen Weg: Die Sache abhaken, aus der Ohnmacht erneut ableiten, welche Bedeutung das kommende Turnier hat, und eine Jetzt-erst-recht-Mentalität entwickeln. Auf dem Eis lässt sich das vorläufig nicht überprüfen – die Mannschaft, die jetzt Testspiele spielt, ist kaum mit der vergleichbar, welche an der WM auflaufen wird. Noch wird der Playoff-Final gespielt, und die NHL-Spieler stossen erst nächste Woche zum Team.

Wie schwer die Orientierung fällt, zeigt die Entwicklung am Wochenende:

Roman Josis Brief an den Verband

Der Captain der Nashville Predators und der Schweizer Nationalmannschaft hat dem Verband einen Brief geschrieben, in welchem er erklärt, dass er sich eine Rückkehr von Patrick Fischer wünscht. Der Brief enthält keine Vorwürfe, keine Spitzen, ist anderthalb eng beschriebene Seiten lang wohl formuliert. Josi spricht von sich in der ersten Person Mehrzahl und betont, dass dieser Vorstoss sich nicht gegen den neuen Coach Jan Cadieux richten würde sondern nur den Erfolg des kommenden Turniers im Sinn habe.

Roman Josi ist der neben dem Pionier Mark Streit wohl verdienstvollste und beste Schweizer Eishockeyspieler der Geschichte, und er hat diesem Team jeden Einsatz gegeben, das es brauchte. Sein Brief macht deutlich, wie schwer es ihm fällt, die Contenance zu wahren und Fakten zu akzeptieren, die eine solche Lösung schlicht unmöglich machen.

Die Fakten akzeptieren und sich neu fokussieren

Eine Rückkehr Fischers, in welcher Form auch immer, ist absolut unmöglich, mag man den Grund für seine Entlassung auch als unbedeutend erachten, als Schnee, der vor Jahren schon geschmolzen ist. Denn die Medien, welche die verschiedenen Haltungen nun gegen einander ausspielen und sich hoch treiben lassen, unterschlagen bewusst (was beschämend ist) oder unbewusst (was peinlich ist), dass es gar keinen faktisch möglichen weiteren Weg mit Patrick Fischer geben kann: Fischer hat nicht nur den eigenen Verband und damit seine Chefs angelogen, er hat auch gegen die Bestimmungen von Swiss Olympic, vom IHF und vom olympischen Komitee verstossen. Und alle diese Instanzen werden dem Schweizerischen Eishockeyverband klar signalisiert haben, dass „man“ viele Fragen hat, Verfahren gegen Fischer anstehen würden, vielleicht sogar nach der erfolgten Entlassung. Die Verbände, welche ihre Regeln gegenüber allen Ländern durchsetzen wollen und müssen, können es sich gar nicht leisten, gegen einen aktiven Coach nicht aktiv zu werden, der dagegen verstossen hat.

Der Schweizer Verbandsboss Urs Keller, der nach dem Bekanntwerden des Briefes sofort ins Trainingscamp der Schweizer gereist ist, um mit dem Staff und den anwesenden Spielern zu reden, wird allen genau das auch deutlich gemacht haben. Es muss die Grundlage dafür sein, dass alle Verantwortlichen die Angelegenheit zur Seite legen und sich auf die neuen Voraussetzungen einstellen.

Die Gruppe wird auch klären müssen, wie mit dem Umstand umgegangen werden kann, dass Josi mit seinem Brief in Wir-Form den Eindruck erweckt hat, dass insbesondere der Spielerrat und die Spieler aus der NHL allgemein hinter dem Brief stehen würden. Kaum war er öffentlich, haben verschiedene dieser Spieler klar gemacht, dass sie ihn nicht mit unterschrieben hätten und ihn auch nicht befürwortet haben.

Ganz eindeutig müssen viele Protagonisten ihren Blick neu schärfen und justieren – und das Gespräch miteinander suchen. Es gibt eigentlich keinen wichtigeren Punkt im Trainingsprogramm der letzten drei Wochen vor Turnierbeginn. Und ich würde raten, dass ein solcher Brief nur schon deswegen nie mehr geschrieben wird, weil es unmöglich ist zu erwarten, dass er intern bleibt – gerade dann, wenn man ausdrücklich betont, er wäre nur für die interne Diskussion gedacht. Das funktioniert heute noch viel weniger als es je geklappt haben mag.

Der Ober-Leithammel an der Bande ist weg. Nach den letzten Ereignissen werden die Leithammel auf dem Eis sehr viel dafür zu tun haben, dass sie dem neuen Chef an der Bande den Rücken stärken, Brief hin oder her: Jan Cadieux hat als Trainer die National League und die Champions League gewonnen. Er hat alles, was es für diesen Job braucht. Womöglich ist er exakt der Richtige am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Es sollten alle alles dafür tun, dass das wahr wird.

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