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Lucien Favre - der Trainer, den der BVB nicht verdiente

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Lucien Favre hat vor Weihnachten erklärt, nie mehr Trainer sein zu wollen. Er ist jetzt Pensionär. Anlass für viele Medien, nochmals auf eine besondere Trainerkarriere zurück zu blicken. Und ich finde, dass dieser Mann noch immer falsch eingeschätzt wird.

Ich war immer ein Fan von Favre – und vom BVB. Deswegen ist dieser Text nicht objektiv, er will es gar nicht sein. Er soll dem Bild seiner Trainerkarriere ein paar Fakten hinzufügen, die seine Arbeit aufwerten und auf weitere Besonderheiten hinweisen.

Lucien Favre war ein Zehner. Ein Spielgestalter mit feinem Fuss.

Seine Aktivkarriere erlitt durch einen üblen Tritt von Gabet Chapuisat einen entscheidenden Knacks. Die Schäden in Favres Knie waren so gross, dass die wirklich notwendige Stabilität für absolute Topleistungen nie wieder ganz hergestellt werden konnte. Favre klagte gegen Chapuisat im ersten Schweizer Zivilprozess im Profifussball überhaupt, und Chapuisat wurde zu einer Geldstrafe wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt und von seinem Verein Vevey Sports entlassen. Bei dem Namen klingelt es… ja, richtig, es ist eine weitere Laune des Schicksals, dass Sohn Stéphane später viele Jahre lang unter Hitzfeld der Liebling der Fans in Dortmund war.

Grundlagen lernen, vertiefen und erfolgreich vermitteln und Vertrauen haben und schenken.

Favre, 24facher Nationalspieler, begann seine Trainerkarriere bei den C-Junioren des FC Echallens – als Assistenztrainer, um wenige Jahre später als Cheftrainer mit der ersten Mannschaft des Dorfclubs in die Nationalliga B, die zweithöchste Liga der Schweiz, aufzusteigen.

Ich lernte ihn kennen, als er zum FC Zürich kam, meinem eigenen Herzensclub. Favre war ein sehr höflicher und freundlicher Mensch, und seine Arbeit auf dem Trainingsplatz war schon da geprägt vom Augenmerk auf Details. Doch das half gerade den jungen Spielern enorm. Favre schien nichts anderes zu wollen, als den nächsten Innenrist-Pass des Spielers zu verbessern. Die richtige Passschärfe, den richtigen Entscheid, ob direkt oder mit zwei Kontakten. Gelingen die einfachen Dinge, fügen sich die grossen zusammen. Dabei hat Favre nie grosse Dinge versprochen, war nie ein Lautsprecher. Aber wer mit ihm arbeitete, wusste, dass dieser Trainer an einen glaubte – und an die Mannschaft. Das Resultat war ein Cupsieg und zwei Meisterschaften mit dem FCZ. Der Romand war nicht mehr zu halten. Die Bundesliga rief.

Der Zauderer war ein Förderer

Zeitsprung: Favre wurde beim BVB nach zwei Vizemeisterschaften und dem zweithöchsten Punkteschnitt aller jemals angestellten Trainer entlassen. Er galt als Zauderer. Ihm wurde vorgeworfen, dass er auch mit sattem Punktevorsprung vor den Bayern nicht von der Meisterschaft reden wollte. Aber gleichzeitig setzte dieser vermeintliche Angsthase reihenweise sehr junge Spieler ein, schenkte ihnen das Vertrauen und machte sie laufend besser, was sehr wohl dem Clubcredo entsprach, junge Spieler zu entwickeln und sie zu gereiften Profis zu machen. Ein paar Beispiele:

  • Jadon Sancho: Stammspieler auf dem Flügel, in Favres bester Phase 19–20 Jahre alt.​​
  • Giovanni Reyna: Wurde von Favre mit 17 in den Profikader gezogen und früh eingesetzt.​
  • Youssoufa Moukoko: jüngster Debütant mit 16 und 1 Tag in der Bundesliga
  • Dan-Axel Zagadou: Innenverteidiger, den Favre trotz Fehlern immer wieder einsetzte, mit 19–20 Jahren.
  • Und dann waren da mit 18-20 auch noch Spieler wie Ansgar Knauff oder der Belgier Reinier.

Was bei allen diesen Spielern auffällt: Nach Favre hatten sie früher oder später grosse Mühe, sich weiter zu entwickeln. Sie wurden alle verkauft oder wollten weg.

Eine Weltklasse-Schule

Ach ja, und da sind auch noch die heutigen Weltklassefussballer, die unter Favre das Glück hatten, zu gestandenen Spielern zu reifen:

  • Jude Bellingham: Stammkraft im Mittelfeld mit 17–18 Jahren.​
  • Achraf Hakimi: Leistungsträger als Außenverteidiger/Flügelverteidiger, bei Favre 19–21 Jahre​​
  • Erling Haaland: Kam im Januar 2020, traf als 19jähriger sofort regelmäßig

Eine Chefetage mit Kreisklasse-Niveau

Nun, Favre hat die Meisterschaft nicht geholt. Aber er ist seinem eigenen Credo immer treu geblieben. Sein Chef Hans-Joachim Watzke hatte inmitten wachsender öffentlicher Zweifel an Favre nichts Besseres zu tun, als an der Buchvernissage von Jürgen Klopp aufzutreten, dem wehmütig vermissten Messias unter allen ehemaligen und zukünftigen BVB-Trainern, um auch ja deutlich zu machen, wie sehr er ihn vermisste – schlimmer kann man den aktuellen Cheftrainer nicht ins zweite Glied stellen und ihn so erst recht der oft oberflächlichen Kritik der Medien und Fans aussetzen.

Feigheit oder Mut zur Klarheit? Ruhm und Trauma bei der anderen Borussia

Weshalb hier zum Schluss noch ein Blick zurück folgen soll, zur anderen Borussia. Als Favre bei Borussia Mönchengladbach anfing, der Verein abgeschlagen am Tabellenende, war eine seiner ersten Amtshandlungen, den 18jährigen ter Stegen ins Tor zu stellen. Und ein gewisser Marco Reus reifte bei Gladbach unter Favre zum Führungsspieler…

Dass dieser Trainer bei Gladbach nach vielen Erfolgen schliesslich kündigte, nach einem quälend schwachen Saisonstart, wird ihm bis heute als Feigheit ausgelegt. Dabei geht völlig unter, dass Favre mit der eigenen Kündigung auf sehr viel Geld verzichtet hat. Er war einfach ehrlich, hat gemerkt, dass die Mannschaft nicht mehr an seine Massnahmen glaubte, obwohl sie es wollte. Alle hatten grosse unsichtbare Fragezeichen auf der Stirn. Favre verordnete dem Verein, der ihm wegen all der früheren Erfolge immer noch huldigte, eine Schocktherapie: Das Gefühl, im Stich gelassen zu werden, führte dazu, dass nun wirklich Alarm bei allen war. Es entstand ein anderes, neues Wir-Gefühl. Niemand konnte mehr auf den Heilsbringer warten. André Schubert, die vermeintliche Notlösung aus dem eigenen Verein bekam die Energie einer aufgerüttelten Gruppe und wusste sie zu kanalisieren. Der Erfolg seines Nachfolgers gab Favre nachträglich recht, und ich behaupte bis heute, dass er der Einzige war, der klaren Kopf bewahren und den Tatsachen ins Auge blicken konnte.

Herz statt Kalkül

Hand aufs Fussballerherz: Wie oft haben wir das Gefühl, dass ein Trainer mit Durchhalteparolen auf seinem Stuhl sitzen bleibt, obwohl ihm nichts mehr einfällt? Aber nur, wenn er vom Verein frei gestellt wird, greifen die Klauseln betreffend Abgangsentschädigungen und Vertragslaufdauer…

Kommentare

  1. Erik

    Er ist ein klasse Trainer und hat überall, wo er war, Erfolg gehabt. Und wegen des Zauderns. Jeder Mensch und auch jeder Trainer hat seine Macken. Es gibt schlimmere Macken als seine Zauderei.

  2. Sechser (Autor)

    Danke Dir, Erik, für Deine Einschätzung. Man kann ja auch feststellen, dass Favre für einen Zauderer aber mächtig mutig war, wenn es darum ging, jungen Spielern Vertrauen zu schenken. Wie so oft ist die Aussenwirkung schlussendlich bestimmend und vernebelt den Blick auf den inneren Gehalt einer Arbeit.

Kommentare

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