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Haben wir das mit dem VAR überhaupt richtig verstanden?

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Der VAR soll den Fussball gerechter machen und in einem Spiel, in welchem so viel auf dem Spiel steht, mithelfen, objektiv korrekte Entscheidungen zu treffen. Doch das so einfache Spiel Fussball generiert so viele komplexe Situationen, dass wir mehr über die Entscheidungen reden, statt weniger.

Der Gesprächsstoff für Beizenrunden ist noch grösser geworden.

Da dachten wir alle, jetzt würden die Fussball-Gremien den Fussball klinisch steril und den Schiri überflüssig machen. Dabei geht vergessen, dass wir seit den Anfängen des VAR ein paar Schritte weiter sind. Denn eine der Besonderheiten der bisherigen Erfahrungen liegt darin, dass sie zum Schluss geführt haben, dass die Entscheidungsmacht in den kritischen Situationen auf dem Platz beim Schiedsrichter bleiben soll. Daraus hat sich die Formulierung entwickelt, dass der VAR sich nur dann beim Schiedsrichter meldet, wenn eine offensichtliche Fehlentscheidung auf dem Platz getroffen wird. Dabei werden sich die Parteien immder darüber austauschen, wie sie die Situation gesehen und WAS sie gesehen oder eben NICHT gesehen haben. Das Spiel gestern von Deutschland gegen Paraguay liefert nun einen interessanten speziellen Fall, zu dem ich meine eigene Einschätzung abgeben will.

Bilder und finale Entscheidung sind öffentlich, die Kommunikation davor ist es nicht.

Wenn man genau hinhört, kann man von Schiedsrichtern, welche VAR-Eingriffe kommentieren, immer wieder die Bemerkung hören, dass es dafür eine grosse Rolle spielt, wie der Blick des Schiedsrichters auf die Situation war – und auch darüber wird sich ausgetauscht, sobald der VAR mit dem Schiedsrichter in den Dialog tritt. Wenn nun aber die Mikrofone ständig offen sind, sich die Schiris untereinander über Situationen fliessend austauschen, Dialoge auch mit Linienrichtern laufend geführt werden, wird der Prozess dynamischer, und es liegt womöglich gar kein VAR-Eingriff aus dem Off vor, sondern ein Kommentar, welcher den Schiri nur darin unterstützen soll, nichts zu übersehen. Der VAR soll nie eingreifen, wenn es sich um eine sog. KANN-Entscheidung handelt. Wichtig aber dürfte für den ganzen Überbau der Schiedsrichterei bei einem so grossen Spiel sein, dass die Kollegen vor dem Bildschirm sich sicher sein wollen, dass der Schiedsrichter auf dem Platz die strittige Situation überhaupt wahrgenommen und tatsächlich sofort eine Einschätzung vorgenommen hat. Wenn er nun die fragliche Behinderung des Torhüters vom VAR erwähnt bekommt, er sie aber gar nicht wahrgenommen hat, weil sein Fokus z.B. auf dem Flug des Balles lag, dann hat er gar keine andere Wahl, als sich die Szene am Bildschirm anzuschauen. Und wenn sich dann der Eindruck festigt, da etwas übersehen zu haben, liegt es nahe, dass er das Tor zurück nimmt. Es lag eben nicht nichts vor, sondern einfach wenig. Das Wenig wird durch die Situation zu mehr.

Die Torhüter-Behinderung

Es tun nun alle so, wie wenn es in der Beurteilung dessen, ob Torhüter im Fünfer-Raum strafbar angegangen werden oder nicht, keine Veränderung gegeben hätte. Mir fällt als regelmässiger Konsument von Fussballspielen am TV, auch in der Premier League, seit geraumer Zeit auf, dass die Saga, dass Torhüter in England schon fast „Freiwild“ wären, schon lange nicht mehr gilt. Ich habe die letzte Zeit gefühlt recht oft verwundert festgestellt, wie wenig für eine Behinderung ausreichte – in verschiedenen Ländern. Viele kleine Regelanpassungen dringen nicht wirklich ins öffentliche Bewusstsein… Damit sage ich nun nicht, dass das gestern nicht hätte als reguläres Tor gewertet werden können. Es ist aber auch nicht so eindeutig, wie es nun alle sehen wollen. Der Kontakt von Anton mit dem Torhüter ist so, dass der Torhüter in der Verschiebung behindert wird, und Antons Bewegung gilt auch nicht dem Ball, der ist ganz woanders… Um das in den Kontext mit dem oben gesagten zu setzen:
Tauschen sich VAR und Schiri über die Szene aus und sagt der Schiri dabei, dass das für ihn nicht ausreichen würde für ein Foul, dann hätte der VAR mit Bestimmtheit nicht interveniert.

Es bleibt ein Prozess

Der VAR wird bleiben. Irgendwann wird die Kommunikation wohl auch besser kommuniziert, und es wird einfacher nachvollziehbar werden, wie Entscheidungen zustande kommen. Klar bleibt, und das ist das Schöne am gestrigen Abend, dass die eigene Leistung genügend Anlass zu Fehleranalysen bietet – und die VAR-Entscheidung das nicht übertünchen darf. Fehler wurden gestern zuhauf gemacht. Die „Vollkatastrophe“, die Nagelsmann in dem Vorgang ausmachte, wird nicht den grossen Nachhall haben, und das völlig zurecht. Ich erlaube mir die Bemerkung, dass der junge Bundestrainer das ganze Turnier über unter immensem Druck stand, und sein Auftreten gegenüber den vierten Offiziellen in den Spielen zuvor mir schon deutlich zu aggressiv war.

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