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Fussball-WM-Bühnen vor dem europäischen Verfall

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Nach der ersten Fussball-WM der Geschichte 1930 in Uruguay, die schon mehr als turbulent verlief, war die Fortsetzung in Europa 1934 in Italien und 1938 in Frankreich als Spiegelbild der politischen Entwicklung genau so reich an unglaublichen Geschichten.

1. Die Bühne in Rom

Benito Mussolini will mit der WM 1934 die soziale und politische Überlegenheit demonstrieren. Er lässt neue Stadien bauen, ordnet Aufmärsche an, während der „calcio“ eine Art Kulisse für die Kundgebungen bilden soll, für eine maximale Verbreitung seiner Botschaften. Rom im Frühsommer 1934: Marschmusik dröhnt durchs Stadion, in den Rängen hängen nicht nur Nationalflaggen Italiens, sondern auch viele Parolen „Il Duce“ ist überall, auf Bannern und in Sprechchören, die Logen voller Funktionäre mit der entsprechenden Gesinnung. Die erste Weltmeisterschaft auf europäischem Boden ist weniger ein Fussballturnier als vielmehr ein Schaulaufen eines Regimes, das der Welt beweisen will, wie modern, organisiert und kraftvoll es ist. Und die Demonstration hat einen aggressiven Grundton. Wenn die italienische Hymne erklingt, wirkt das eher wie die Mobiliserung für einen Militärputsch als für ein Fussballspiel. Dabei stehen unten auf dem Rasen Spieler, nicht Soldaten – und ein Trainer, der sehr wohl als ausgewiesener Fachmann gilt, aber sehr gewillt ist, all das zu seinem und zum Vorteil Italiens zu nutzen: Vittorio Pozzo.

In der Ferne schauen in diesen Tagen auch Bern, Wien und Berlin nach Italien: Erstmals sind alle drei DACH‑Teams Teil der grossen Bühne Weltmeisterschaft – mit 16 teilnehmenden Mannschaften.

2. Schiedsrichter und ihre dunklen Schatten

Die legendär werdenden Geschichten der WM 1934 haben weniger mit fussballerischen Leistungen zu tun als mit dem bewussten Versagen der Schiedsrichter. Das Viertelfinale Italien gegen Spanien ist voller legendärer Geschichten über verwehrte Tore, übersehene Fouls und einen Torwart, der zum tragischen Helden wird. Der Spanier Ricardo Zamora, der „Divino“, gilt als erster Torwart-Superstar der Fussballgeschichte, doch gegen Italien und den Schiedsrichter kann auch der beste Torwart nicht gewinnen. Ein spanischer Treffer wird aberkannt, mehrere brutale Attacken auf Zamora bleiben ohne Konsequenzen, und ein möglicher Elfmeterpfiff für Spanien ist im Römer Lärm undenkbar.

3. Erstmals alle drei DACH-Länder dabei

Parallel dazu spielt sich im deutschsprachigen Dreieck eine eigene Geschichte ab. Österreichs „Wunderteam“ reist mit dem Ruf an, den elegantesten Fussball Europas zu spielen, technischer als die Deutschen, fantasievoller als die Schweizer. Deutschland erlebt seine WM‑Premiere überhaupt, eine Elf im Spannungsfeld zwischen NS‑Funktionären und einem Kader, der mindestens neugierig auf den sportlichen Verlauf am Turnier macht. Die Schweiz kommt ohne grosse Töne, gewinnt aber ihr Auftaktspiel und zeigt, dass sie mehr ist als nur Füllmaterial für den Spielplan. Drei Nachbarn, drei Identitäten – alle im Schatten einer WM, die Italien unbedingt gewinnen will.

4. Der erste Weltmeister-Stern für Italien und Deutsche Bronze

Im Finale gegen die Tschechoslowakei gerät Italien zunächst ins Hintertreffen. Ein ganzes Stadion vibriert in Nervosität: Den WM-Titel für Italien und Mussolini vor Augen – und dann vor den Augen des Duce besiegt? Was, wenn die ganze Propagandamaschine nun kollabierte?

Doch die Azzurri gleichen das Spiel aus, erzwingen die Verlängerung und holen sich mit einem 2:1 den ersten Weltmeistertitel „für Europa“. Für den deutschsprachigen Raum bringt dieser Sommer einen zweiten, kleineren Glanzpunkt: Deutschland gewinnt das Spiel um Platz 3 gegen Österreich – ein sportliches Treffen zweier Nachbarn als historischer Vorschatten… Die „kleine“ Schweiz ist da schon ausgeschieden, ist aber angekommen auf der Landkarte des Weltfussballs und wird vier Jahre später eine Hauptrolle übernehmen.

5. WM 1938: Telegramme, Anschluss und ein frei bleibender Platz

Vier Jahre später, Frankreich 1938. Europa steht am Rand eines Abgrunds, den viele bereits ahnen. Italien reist als amtierender Weltmeister und Olympiasieger an – und als politisches Projekt. Der Duce erwartet die Titelverteidigung, als sei sie eine Abstimmung über seine Herrschaft. In den Umkleidekabinen kursiert eine Geschichte, die bis heute zitiert wird: Ein Telegramm Mussolinis soll an die Mannschaft gegangen sein. „Vincere o morire“ – gewinnen oder sterben.

Während die Azzurri unter dem Eindruck dieser Drohkulisse bestehen müssen, spiegelt die DACH-Teilnahme die veränderte Landkarte Europas bereits wieder. Österreich wird im März 1938 „angeschlossen“, der ÖFB verschwindet als eigenständiger WM‑Teilnehmer. Der bereits erkämpfte Startplatz verfällt; das Turnier reagiert pragmatisch, aber kalt: Schweden rückt kampflos weiter, der Spielplan wird einfach neu sortiert. Einige österreichische Spieler finden sich plötzlich im Kader eines „Grossdeutschlands“ wieder, das mehr ist als nur eine Fussballmannschaft – es ist das andere politische Projekt in Fussballer-Tenues.┄

6. Schwarze Trikots in Paris, weiss-rotes Kreuz als Spielverderber

Besonders eindrücklich wird die WM 1938 in Paris, im Viertelfinale gegen Frankreich. Auf dem Papier ist es ein normales K.-o.-Spiel, in der Realität ein politisches Statement. Die Italiener laufen nicht in den vertrauten azzurri auf, sondern in schwarz – den Farben der faschistischen Miliz. Ein Trikot als Kampfansage, mitten in einem Land, das dem italienischen Regime skeptisch bis feindlich gegenübersteht.

Auf einem anderen Platz, wenige Tage zuvor, trägt ein anderes Team ein deutlich kleineres, aber nicht minder symbolisches Zeichen auf der Brust: das Schweizer Kreuz. Die Nati trifft in der Vorrunde auf die Auswahl „Grossdeutschlands“ – ein gemischtes Team aus Deutschen und Österreichern. Im ersten Duell gibt es ein 1:1, das Wiederholungsspiel wird zum Kippmoment: Die Schweiz dreht einen Rückstand, gewinnt 4:2 und wirft das politisch aufgeladene Konstrukt zweier grosser Fussballteams aus dem Turnier. Für die NS‑Propaganda ist es eine Demütigung, für Österreich ein stiller, bittersüsser Moment – ihre besten Spieler stehen zwar im „falschen“ Trikot auf dem Platz, doch am Ende jubelt der Nachbar mit dem roten Kreuz.┄

7. Das Finale von 1938: Ein letzter Sommer, auch für die Nachbarn

Am 19. Juni 1938 steht Italien im Finale von Paris, im Olympiastadion Yves-du-Manoir, Gegner ist Ungarn. Es ist, rückblickend betrachtet, ein letztes grosses Fest des internationalen Fussballs, bevor der Krieg alles zum Schweigen bringt. Die Ungarn sind technisch brillant, offensiv ausgerichtet, so etwas wie die romantische Variante der Zeit. Italien ist das Gegenteil: diszipliniert, taktisch klug, konditionsstark.

Für die DACH‑Region ist das Turnier da schon Geschichte. Deutschland-Österreich ist ausgeschieden, die Schweiz im Viertelfinale gestoppt – aber sie kehrt mit einer besonderen Erzählung vom Sieg über „Grossdeutschland“ nach Hause und steht zum ersten Mal für den Geist eines kleinen Fussballwunders. Die Geschichte dieses Spiels wird für Jahrzehnte als Beleg dafür erzählt, dass man auch in politisch erdrückenden Zeiten auf dem Platz seine eigenen Geschichten schreiben kann. Während Italien den zweiten Stern erobert, bleiben in Berlin, Wien und Bern andere Bilder haften als die Jubelszenen der Azzurri.┄

8 – Vittorio Pozzo, die DACH‑Spur und die bleibenden Erinnerungen

Pozzo ist die komplexeste Figur dieser Geschichte. Ein taktisch versierter Trainerpionier Italiens, der aber auch mit einer besonderen Mischung aus Psychologie und Härte arbeitet, der seine Spieler duzt, sie aber gleichzeitig mit militärischem Drill formt. Er ist aktiver Teil des Systems, das den Fussball als Propagandainstrument missbraucht, aber auch ein Fussballlehrer, der unabhängig von der politischen Kulisse Massstäbe setzt. Aber dafür bleibt er nicht wirklich in Erinnerung…

In der Rückschau bleiben seine Azzurri ambivalent – und der Rückblick ist ohne den Blick auf die Nachbarn nicht vollständig. 1934 holt Italien den Titel, Deutschland Bronze, Österreich verabschiedet sich mit Stil, die Schweiz hinterlässt erste Spuren. 1938 verteidigen die Azzurri den Pokal, Österreich ist politisch ausgelöscht, Deutschland sportlich blamiert, die Schweiz triumphiert in einem Spiel, das weit über die Grenzen des Fussballs hinausstrahlt. Die WM‑Titel 1934 und 1938 stehen deshalb wie in einer Grauzone: sportlich legitim, moralisch belastet, erzählerisch enorm reich – und im DACH‑Kontext ein Brennglas dafür, wie nah sich Fussball, Politik und Identität in diesen Jahren gekommen sind.

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