Fussball-WM 1950: Maracanaco - Der Albtraum Brasiliens
Der zweite Weltkrieg steckt der Welt noch in den Knochen. Gleichzeitig sehnen sich die Menschen nach Normalität und Ablenkung. Zwölf Jahre nach der letzten Weltmeisterschaft soll der Fussball wieder dazu verhelfen.
Eine Fussball-Weltmeisterschaft in einer brüchigen Welt
Der Vorlauf auf die WM 1950 ist natürlich von den Nachkriegszeit geprägt. Ausser Brasilien hatte sich am FIFA-Kongress 1946 niemand als Gastgeberland angeboten, aber die Reise dahin war manchen Ländern zu beschwerlich. So wurde die WM 1950 die Weltmeisterschaft der Brüche und Rückzüge – aber auch zweier riesiger Überraschungen – die zweite endete in der gefühlten Agonie eines ganzen Landes. Aber der Reihe nach!
Die eigentliche Qualifikation
Gastgeber Brasilien, und der Weltmeister von 1938, Titelverteidiger Italien, waren gesetzt. Der Rest des Feldes musste sich eigentlich sportlich qualifizieren. Wobei sich die Mannschaften teilweise danach zurückzogen, andere nachrückten, wieder andere die Reise scheuten. Brasilien war damals kein kurzer Ausflug, sondern eine weite, teure und komplizierte Reise. Für manche Nationen war schon der Gedanke daran zu gross. So war die Endrunde von Verzichtserklärungen durchzogen. Mehrere Verbände sagten trotz sportlicher Qualifikation ab, andere verzichteten schon zuvor rundweg auf eine Reise nach Südamerika. Die Gründe reichten von finanziellen Schwierigkeiten über logistische Hürden bis hin zu verbandspolitischen Vorbehalten.
Sehr anschaulich dazu ist die Geschichte um die – schlussendlich ausbleibende – Teilnahme von Indien:
Indien war nicht sportlich durch eine klassische Qualifikation nach Brasilien gekommen. Die Mannschaft erhielt den Startplatz, weil sich die übrigen asiatischen Teilnehmer – Burma (Myanmar), Indonesien und die Philippinen – zurückgezogen hatten. Indien nahm den Startplatz an, zog aber später wieder zurück. Es wäre die erste und einzige Teilnahme Indiens gewesen, und über die Gründe, warum es nicht dazu kam, gibt es bis heute Mutmassungen, aber keine absolut gesicherten Erkenntnisse.
Am Wahrscheinlichsten sind folgende Beweggründe:
Der indische Fussballverband gewichtete die Fussball-WM nicht hoch genug ein – damals eine durchaus öfter vorkommende Sicht der Dinge. Olympia 1952 schien wichtiger. Eine Vorbereitung war schwierig, die beschwerliche lange Reise eine organisatorische und finanzielle Herausforderung. Lange hat sich auch der Mythos gehalten, nach welcher es den Indern verboten worden wäre, barfuss zu spielen. Dieses Verbot hat es aber wohl nie gegeben. Tatsächlich haben die Inder an Olympia 1952 teilweise noch barfuss gespielt.
Von den DACH-Ländern qualifizierte sich die Schweiz sportlich und nahm auch teil, schied aber in den Gruppenspielen aus, Österreich zog sich vor der Endrunde zurück und Deutschland war noch nicht wieder in die FIFA aufgenommen.
Doch schlussendlich wurde – natürlich – gespielt. Brasilien hatte viel in die Stadien investiert – vor allem ins Maracana, das grösste Fussballstadion der Welt.
Modus und Turnierverlauf
Gespielt wurde nach einem besonderen Modus, in welchem sich die Mannschaften in Vorrundengruppen für eine Vierer-Finalrunde qualifizieren mussten.
Dass England an dieser Hürde scheiterte, war eine Sensation und ein entsprechender Schock für das Mutterland des Fussballs: England verlor in Belo Horizonte 0:1 gegen die unterschätzte USA. Die Spieler des Mutterlands des Fussballs blamierten sich in ihrer Überheblichkeit bis auf die Knochen.
Brasilien gewann seine Vierergruppe vor Jugoslawien, der Schweiz und Mexiko. Schweden setze sich in einer Dreiergruppe gegen Paraguay und Italien durch. Spanien qualifizierte sich auf Kosten von England. Uruguay musste nur ein Vorrundenspiel bestreiten und gewann es 8:0 gegen Bolivien. Die Türkei und Schottland hatten ebenso verzichtet wie die vorgesehenen Nachrücker.
Maracanaco – der Albtraum Brasiliens
Doch das eigentliche Drama ereignete sich zum Schluss. Brasilien rauschte durch die Finalrunde, schlug Schweden 7:1 und Spanien 6:1. Im letzten Spiel gegen Uruguay reichte ein Unentschieden zum Titel – vor 200’000 Zuschauern im Maracana-Stadion in Rio de Janeiro. Vor dieser gewaltigen Kulisse und mit der Macht der ganzen Nation sollte Uruguay kein Hindernis sein. Und als Brasilien in Führung ging, war alles angerichtet.
Doch Uruguay fiel nicht auseinander. Es hatte im Gegensatz zu Brasilien nichts zu verlieren, blieb ruhig, fand zurück ins Spiel und liess das Stadion mit jedem Angriff ein wenig leiser werden. Das Bangen kroch auch den Zuschauern in die Knochen, erst recht, als Uruguay ausglich. Aus Vorfreude wurde Fassungslosigkeit, aus der freudigen Erwartung lähmende Gewissheit: Alcides Ghiggia schoss in der 79. Spielminute das 2:1 für Uruguay. Das Maracanaço war geboren:
Bis heute ist dieses Spiel so etwas wie der Nullpunkt des brasilianischen Fussballs. Der Gastgeber hatte den Titel schon fast in Händen, die Feierlichkeiten waren innerlich längst angelaufen, doch am Ende blieb nur Totenstille. Ein Land fiel in Schockstarre und kollektive Trauer.
Der Schock dürfte noch viel grösser gewesen sein, mit den Eindrücken und Entbehrungen der Kriegszeit im Bewusstsein, als der, den wir alle erinnern, als Brasilien 2014 im Halbfinal gegen Deutschland 1:7 unterging. Das Spiel fand nicht an gleicher Stätte statt, sondern im Mineirão-Stadion in Belo Horizonte. So wurde der Albtraum Maracanaco durch den des Mineiraco ersetzt.
Herzlichen Dank @Petersgradmesser für die Berichtigung!
Bisher mit dem Tag „fussball-wm-geschichte“ erschienene Artikel: Link
Kategorien: Fussball
Kommentare
Petersgradmesser #
Schöner Beitrag über ein Spiel, welches ich natürlich nur aus den Fußballgeschichtsbüchern (die ich schon als Achtjähriger verschlungen habe) kenne.
Kleine Anmerkung: Das Spiel zwischen Brasilien und Deutschland 2014 fand nicht im legendären Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro statt, sondern im im Mineirão-Stadion in Belo Horizonte statt. So wurde der Albtraum Maracanazo durch den des Mineirazo ersetzt.
Sechser (Autor) #
@Petersgradmesser – Danke Dir herzlich für Deinen Kommentar und Deine Berichtigung. Deine „kleine Anmerkung“ weist auf einen groben Fehler hin, und ich habe ihn entsprechend korrigiert.
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