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gewinnen und verlieren

Fussball ist noch immer nicht nur ein Geschäft

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Fussball ist das beliebteste Spiel der Welt. In unseren Zeiten, in welchen Kirchen zu Museen werden, wird seine Bedeutung massiv überhöht. Das muss man nicht gut finden. Aber eindeutig ist, dass das an sich einfache Spiel Unterhaltung bietet und laufend neue Geschichten schreibt – in denen es auch um Werte geht.

Die innere Faszination des Spiels

Fussball braucht einen rechteckigen Flecken freie Fläche, zwei Tore und einen Ball. Die Spieler scheinen sich automatisch einzufinden. Ich habe Fussball auf den Galapagos gespielt, in Halbschuhen, auf einem mit Betonbrocken übersäten Sandplatz. Ich bin im Amazonasgebiet im Regenwald in Peru auf den einzigen frei gelegten und offensichtlich hartnäckig frei gehaltenen Platz im Umfeld von dutzenden von Quadratkilometern gestossen: Ein kleines Fussballfeld mit zwei aus dünnen Baumstämmen zusammengebundenen Toren.

Fussball wird überall verstanden oder missverstanden, lässt überall Menschen zusammenkommen und generiert Abermillionen von Experten, die über Fussball mehr zu erzählen wissen als über irgend was anderes. Ich eingeschlossen. Natürlich! Denn es ist eine Lust – und das Spiel ist ein Gleichnis für so vieles, was in unser aller Leben eine Rolle spielt:

Es braucht Spielfreude. Einsatz. Zusammenspiel. Und es gibt Regeln. Es braucht Regeln. Jeder versteht das, jeder reklamiert sie. Uns alle stört, wenn Lebensfreude, Engagement, Teamarbeit und Verbindlichkeiten fehlen. Fussball bringt spielerisch zusammen, wer zusammenkommen will.

Weltmeisterschaften gibt es erst seit knapp hundert Jahren

Die Anfänge des Spiels in seiner heutigen Form reichen ins neunzehnte Jahrhundert zurück. Weltmeisterschaften mit Nationalmannschaften werden aber erst seit 1930 ausgetragen – und die ersten Ausgaben waren von besonderen Weltlagen geprägt – Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg. Hauptsache Sport erzählt davon und wird weiter davon erzählen. Ich weiss nicht genau, was das für Herren waren, die sich damals in der FIFA zu den Hütern des Spiels machten, aber sie haben der Faszination für das Spiel eine Form gegeben und sie nach und nach den Entwicklungen angepasst.

Je globaler das Ereignis Fussball WM wurde, je mehr Interesse dafür entstand, um so mehr und umso kontroverser wurde auch über sie und die FIFA diskutiert. Und wenn der Rubel rollt, dann fragen alle, wohin.

Der grösste Sportverband der Welt

Die FIFA hat heute mehr als 200 Mitglieder-Verbände. Länder auf allen Kontinenten nehmen an Qualifikationen teil, erhalten Beiträge und sollen, so die Idee, mit Hilfe der Institutionen der FIFA den Sport national fördern, indem die Strukturen verbessert werden. Sehr viele Dinge werden in dieser Arbeit ehrlich wohlmeinend angestossen und oft auch erfolgreich implementiert – sofern es vor Ort in den einzelnen Ländern Sachverstand und das ehrliche Bemühen gibt, für den Fussball zu arbeiten. Auch dank dem Fussball Arbeit zu haben, ist völlig okay. Dank dem Fussball volle eigene Taschen zu bekommen, ist es weniger. Aber hier sind wir an einem Punkt, an dem, beinahe nahtlos, der Hochmut von uns Europäern direkt mit der Moralkeule, die wir schwingen, durchdrückt.

Auswüchse und Hybris in der FIFA und der europäische Hochmut

Europa und Südamerika (Argentinien, Brasilien) dominieren sportlich den Fussball noch immer. Sechs der acht Viertelfinalisten an der diesjährigen WM kamen aus Europa. Die besten Spieler wollen in Europa engagiert sein, die Champions League ist nirgends so gross wie in Europa. Daraus leiten wir selbstredend ab, dass wir die meiste Ahnung davon haben, was Fussball ist und sein soll – und vergessen dabei, dass die FIFA auch für die Ansprüche und Bedürfnisse aller anderen Kontinente steht. Wenn Korruption diskutiert wird, zeigen wir gern mit dem Finger auf Personen – und negieren dabei die Tatsache, dass im weltumspannenden Handel Regeln gelten, die wir in unseren eigenen wirtschaftlichen Bedürfnissen immer wieder hinnehmen, gerne durch die Kunst, diese Umstände einfach auszublenden.

Die FIFA kann nicht wesentlich besser sein als das Spiegelbild der Welt, in welcher sie sich bewegt. Klüngelei betreiben die Europäer gerne auch selbst, wenn es im Schacher darum geht, die eigenen Pfründe und Austragungsrechte zu erwerben oder zu behaupten. Die Umstände um die Vergabe der WM an Deutschland 2006 haben den Kaiser Beckenbauer schlussendlich einen Teil seines Glanzes verlieren lassen, aber so richtig durchschütteln lassen wollte sich dann doch niemand. Und wie Saudi Arabien zur WM 2036 gekommen ist… die Geschichte ist noch nicht wirklich erzählt.

Wer kann sich noch an das Gesicht von Sepp Blatter erinnern, als er die Wahl von Katar vom eben aufgerissenen Couvert ablas – und dabei ehrlich überrascht, um nicht zu sagen, entsetzt war? Blatter wird zu Recht für viele unsaubere Geschäftsgebaren kritisiert, doch wirklich schamlos war er nicht. Das schaffte erst Gianni Infantino. Keiner vertraut so unverhohlen auf die Macht des Goldes – und damit ist nicht nur der ausnehmend schöne WM-Pokal gemeint. Jetzt hat er es übertrieben. Die Gier frisst sich schlussendlich selbst. Denn sie ist niemals befriedigt. Den Versuch, Anteile an der Fussballweltmeisterschaft an private Investoren abzutreten, ist unterbunden worden. Ein Versuch, mit dem nicht nur zusätzliche Pfründe generiert sondern Freunde eingeladen werden sollten, das Goldkalb Fussball noch mehr zu mästen und sich dann auch daran zu bereichern. Dabei hat die FIFA bei weitem genügend Eigenmittel, um damit und mit gern gewährten Krediten die Entwicklung des Fussballs und der WM-Turniere mit eigener Kraft zu gestalten.

Ganz besonders entlarvend ist, dass im Zuge dieser Absichten auch noch von Demokratie gesprochen worden wurde im Zusammenhang mit dem intransparenten Konsultationsverfahren, in welchem ein JA zu den Infantino-Plänen dem jeweiligen Verband 20 Mio US-D einbringen sollte: So geht also Demokratie. Eine gekaufte Stimme ist eine gültige Stimme, wenn sie für die richtige Meinung steht.

Es hat die noch gesteigerte Versuchung einer einmalig geschmierten Geldmaschine gebraucht, um den Mechanismus zu offenbaren, der jedem sprudelnden Geschäft innewohnt: Es zähmt sich niemals selbst, und wer sich am Schalthebel wähnt, drückt das Gaspedal durch. Freund Donald hat Gianni an die Hand genommen, und der hat die Hand gern ergriffen.

Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass Infantino diesen Move als FIFA-Präsident nicht überstehen wird. Die UEFA will die Umstände trotz dem Rückzug aller Pläne rechtlich abgeklärt wissen. Innerlich wird sie froh sein, dass sie die ausgesprochene Drohung, FIFA-Meisterschaften zu boykottieren, nicht umsetzen muss. Ich würde mir in jedem Fall wünschen, dass wir hinter der eigenen Tür misten. Persönlich unvergessen sind mir die unsäglichen Ereignisse in Katar, als Katar für den Umgang mit Homosexualität kritisiert wurde und die regenbogenfarbene Kapitänsbinde diskutiert wurde. Ich habe kein einziges Statement gehört, in dem darauf hingewiesen worden wäre, dass es bis heute keinen einzigen wichtigen Profi-Fussballer in Deutschland gibt, der offen davon spricht, homosexuell zu sein. Die Hand der Spieler der Deutschen Nationalmannschaft vor dem eigenen Mund auf dem Mannschaftsfoto ist angesichts der geltenden Verhaltensmuster in der Heimat im eigenen Sport einfach nur peinlich: Bis heute erachten es Spitzenfussballer offensichtlich als karriereschädlich, von ihrer sexuellen Ausrichtung zu reden. Und dabei soll mir nun niemand damit kommen, dass das genau richtig weil ja auch nichts dabei sein. Denn DAS ist nicht der Grund für das Schweigen.

Merke: Wer sein eigenes Haus so bestellt, dass er gerne darin wohnt, lädt auch andere dazu ein, es ähnlich gut zu machen. Der Oberlehrer aber, der nur eine Theorie verkündet, hat es schwer.

Kommentare

  1. Bock

    Fußball ist vermutlich deshalb so erfolgreich, weil er gleichzeitig einfach genug ist, um ihn mit zwei Jacken als Torpfosten zu spielen, und kompliziert genug, um anschließend zweihundert Funktionäre damit zu beschäftigen, ihn zu verwalten.

    Sobald genügend Geld im Spiel ist, wird aus dem Bolzplatz bekanntlich eine Ethikkommission. Dort erklären Männer in tadellosen Anzügen, dass es selbstverständlich ausschließlich um Werte, Entwicklung, Teilhabe und die weltweite Familie des Fußballs gehe, während im Nebenraum vorsichtshalber nachgezählt wird, ob die weltweite Familie auch überwiesen hat. 🦌

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