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Embolos Horrormoment

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Die Szene, welche den Viertelfinal zwischen Argentinien und der Schweiz entschieden hat, ist bestes Anschauungsmaterial für die Herausforderungen im Mannschaftssport, mit einem Spieler im Zentrum, der augenscheinlich von der Mannschaft schon lange positiver beurteilt wird als von den Medien.

Der klassische Mittelstürmer…

ist ein Stossstürmer, modern ausgedrückt ein Zielspieler. Das meint einfach, dass Bälle in die Spitze gespielt werden, um daraufhin aufrücken zu können. Und der einsame, meist körperlich robuste Spieler vorne im Zentrum macht den Winkelried, hat garantiert mehrere Gegenspieler gleichzeitig gegen sich und muss zudem Bälle verarbeiten, die zuvor lange unterwegs sind – oder selbst unter Druck nicht sauber gespielt wurden. Alles sehr schlechte Voraussetzungen, um in der Zweikampfstatistik am Ende des Spiels zu glänzen oder auf viele Ballkontakte zu kommen. Aber je nach Spielsystem ist die Funktion sehr wichtig, weil dieser Tank vorn in der Mitte eben auch Gegenspieler bindet und damit Räume schafft.

Genau darin ist Embolo sehr gut. Gerade an dieser WM hat er sehr viele Chancen seiner Mitspieler schlicht dadurch ermöglicht, dass er Räume geschaffen hat. Ein Knipser ist Embolo nie gewesen und wird er nicht werden. Hierfür war seine WM-Bilanz mit zwei Toren und zwei direkten Torvorbereitungen sogar auf dem Scoring Sheet sehr gut. Embolo scheint in der Mannschaft sehr beliebt zu sein, weil er sich für die Kameraden sichtbar aufreibt und zerreisst – und neben dem Platz ein Strahlemann ist, der auch mal Kollegen aufmuntert.

Die bisher grösste Prüfung

für ihn kommt so oder so mit dem Spiel gegen Argentinien. Die Innenverteidigung von Argentinien ist ausgebufft und routiniert und spielt ihrerseits sehr robust, um ein neutrales Wort zu verwenden. Das bedeutet, dass, für uns Fernsehzuschauer die meiste Zeit nicht einsehbar nicht nur gezogen und geklammert wird, sondern auch getreten und mit spitzen Ellbogen gekämpft. Das ist nun kein Gejammere – es ist einfach Fakt und wird an diesem Abend zu einem besonderen Faktor. Daran ist auch – nicht nur mit Schweizer Brille gesehen – der zumindest unsichere portugiesische Schiedsrichter Joao Pinheiro beteiligt, weil gefühlt viele strittige Zweikampfsituationen tendenziell gegen die Schweizer entschieden werden und gelbe Karten ausbleiben.

Wir Fernsehzuschauer ärgern uns oft zu recht über die Spielunterbrechungen, in denen sich Spieler auf dem Boden wälzen, als wären sie vom Blitz getroffen worden. Oft ist das Teil des Ringens um die Aufmerksamkeit des Schiedsrichters, der, wenn er schon die versteckten Fouls nicht sehen kann, doch zumindest nachhaltig beeindruckt gehört, wenn er dann mal gepfiffen hat. Dass das meist nichts fruchtet, steht auf einem anderen Blatt, aber ganz unverständlich ist es, subjektiv betrachtet, nicht. Eine der sehr wirksamen guten Regelanpassungen der FIFA betrifft genau diesen Umgang mit simulierten Verletzungen – und entsprechend flüssiger ist das Spiel an dieser WM oft anzusehen.

An der Prüfung gescheitert

All diese Gedanken entschuldigen die Übersprungshandlung Embolos nicht, die dann, als das Momentum ganz auf Schweizer Seite zu kippen scheint, einfach nur absurd erscheint. Embolo täuscht an der Seitenlinie vor der eigenen Spielerbank vor, gefoult worden zu sein und hebt so mächtig vom Boden ab, dass Pinheiro nicht nur Foul pfeift, sondern dem Argentinier auch noch die gelbe Karte zeigt. Es ist die besondere Tragik, dass der geschundene und getretene Stürmer, der sich mit seiner Einlage wehren will, zu seinem grossen Nachteil erfolgreich ist. Die gelbe Karte ist falsch und kann, im Gegensatz zu einem einfachen Foulpfiff, neu vom VAR überprüft werden. Die Regel, die eigentlich dafür geschaffen wurde, dass in jedem Fall nicht der falsche Spieler der eigenen Mannschaft mit gelb bestraft wird, wird hier auf den Gegenspieler angewendet – und Embolo fliegt mit gelb-rot vom Platz.

Diese Szene kippt zwanzig Minuten vor Schluss das Spiel völlig. In Unterzahl kassiert die Schweiz tief in der Verlängerung zwei Tore und scheidet aus. Embolo, nach dem Platzverweis unter Tränen aufgelöst in den Katakomben verschwunden, wird das mit angesehen haben, und wir alle können uns ausmalen, wie sich das angefühlt haben muss.

Wie das verarbeiten? Wie den Kameraden in die Augen schauen? Wie schlafen und am nächsten Tag in den Frühstückssaal gehen?

Mannschaftssport und Fehlerkultur

Die hier eingetretene Situation ist DAS Beispiel für die Herausforderung, die sich im Teamsport Spieler und Mannschaft stellen kann, wenn ein offensichtlicher, ein kapitaler, ein an sich unverständlicher Fehler zur Niederlage des ganzen Teams führt. Es ist exakt der Grund, warum viele sich ganz bewusst gegen Mannschaftssportarten entscheiden: Es ist viel leichter, für die eigenen Fehler mit dem eigenen Misserfolg zu bezahlen, als damit Schuld an der Niederlage aller zu sein.

Aber die schöne Kehrseite ist eben die geteilte Freude, wenn im Verbund Grossartiges erreicht wird. Jeder Schweizer Spieler wird nach dem Schreckmoment eines ganz sicher gewusst haben: Dass er in keinem Fall in der Haut des anderen stecken möchte, und dass er sich wünscht, bei eigenen Fehlern nicht in den Boden gestampft, sondern wieder aufgebaut zu werden. So haben die Mitspieler nach dem Match betont, welche Verdienste Embolo in dieser Mannschaft zukommen und was er für sie immer wieder leistet. Die Zukunft wird zeigen, wie das wirklich verarbeitet werden kann.

Nach dem Erfolg oder Misserfolg kommt die nächste Challenge, das nächste Turnier. Es geht immer weiter. Das ist das Gute daran. Und die Schweizer Nati hat noch nicht fertig. Sagen zumindest jetzt alle. Und warum nicht? Vielleicht erzählt sich die Geschichte dieses Teams mit dieser neuesten Episode als eine Entwicklung mit rotem Faden – und nicht als Bruch und Ende einer schönen Reise. Die Beantwortung wird auch dann in den Händen aller liegen.

Das Team kann nur erfolgreich sein, wenn Fehler ausgebügelt und akzpetiert werden. Und aus jedem Fall gelernt wird. DAS wird für Embolo schwer genug. Seine Karriere ist geprägt von vielen kleinen und grösseren Unverständlichkeiten, vor allem auch neben dem Platz, auch von schweren Verletzungen, die in der frühen Phase seiner Karriere verhindert haben, dass er sich auf höchstem Niveau frei spielen konnte. Er muss damit umgehen, wie die Dinge jetzt sind. Und hoffentlich bekommt er dabei die nötige Hilfe und zeigt Lernbereitschaft. Die notwendige Stabilität muss er selbst entwickeln und damit versuchen, seiner bisherigen Geschichte eine Wendung zu geben. Die Nationalmannschaft scheint definitiv das Umfeld zu sein, das ihm dabei helfen kann.

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