Der Trainer des Jahres hat getrickst
Patrick Fischer hat das Bewusstsein und damit auch das Leistungslevel der Schweizer Eishockeyaner grundlegend verändert. Mit ihm als Nationaltrainer ist die Schweiz in jedem Endrundenturnier zum Medaillenkandidaten geworden und hat diesen Anspruch wiederholt gerechtfertigt. Dazu gehörte die Einforderung einer absolut integren Haltung gegenüber allen Bedürfnissen der Nationalmannschaft für alle aufgebotenen Spieler.
Für die Nati spielen ist wirklich Ehrensache
Ein wichtiger Kern von Leistungsträgern um die NHL-Spieler Roman Josi, Kevin Fiala und Nico Hischier, hat wiederholt vorgelebt, wie gross ihre Bereitschaft ist, fürs Land zu spielen. Coach und Spielerrat haben einen Wertekatalog definiert, nach dem sich alle Beteiligten zu richten haben. Der Öffentlichkeit sind diese Werte nur insofern bekannt, als klar ist, dass ein jeder Spieler, der ein Aufgebot und die Möglichkeit hat, ihm Folge leisten soll: Man will keine Rosinenpicker, und niemand ist grösser als das Team.
Die Verbannung des Lian Bichsel
Lian Bichsel fiel schon früh durch seine körperliche Stärke auf und wurde im Sommer 2022 von den Dallas Stars aus der NHL an 18. Stelle gedraftet. In der Folge leistete er einem Aufgebot für einen Trainingszusammenzug in der Schweiz und später für ein Vorbereitungsturnier der U20-Nationalmannschaft keine Folge (Covid-bedingt fanden die Juniorenturniere zu aussergewöhnlichen Zeiten statt).
Doch die Unstimmigkeiten und Irritationen schienen ausgeräumt, und Bichsel war Teil der WM-Vorbereitung der A-Nationalmannschaft 2023. Anfangs Mai 2023 platzte Lian Bichsels Traum, an einer WM bei der Elite zu spielen, ein erstes Mal. Das 18-jährige Riesentalent brach sich in einem Zweikampf in einem Vorbereitungsspiel den Knöchel. Dallas stattete ihn trotzdem mit einem dreijährigen Einstiegsvertrag auf, und Bichsel setzte alles daran, die Chance auf eine NHL-Karriere konsequent zu nutzen, weshalb er einem nächsten Aufgebot für einen Zusammenzug der U20-Nationalmannschaft im Dezember nicht folgte: Er war soeben von den Dallas Stars zu Rögle in Schweden für seine weitere Entwicklung geschickt worden. Die Konsequenz war heftig. Fischer schloss Bichsel von allen WM- und Olympiaturnieren bis 2026 aus, was damit auch die Heim-WM in diesem Mai mit einschliesst.
Als Fischer 2025 auf die lange Verbannung Bichsels und die Härte des Entscheids angesprochen wurde, hat Fischer klar gemacht, dass der Entscheid bestehen bleibt. Dabei wurde deutlich, dass die geltenden Regeln – und ihre Durchsetzung – auch von seinem Captains-Team – also von Roman Josi, Nico Hischier, Andrea Glauser, Nino Niederreiter und Leonardo Genoni – erarbeitet und gestützt würden. Sie gelten auch für die Programme der Nachwuchs-Nationalteams. Wurden Josi und Co. in Nordamerika auf den Fall angesprochen, liessen sie daran auch keinen Zweifel aufkommen.
Der Chef hat getrickst
Nun hat Patrick Fischer bekannt gemacht, dass er 2022 mit einem gefälschten Impf-Zertifikat an die Olympischen Spiele in Peking gereist ist. Fischer, der im Vorfeld öffentlich gesagt hatte, er würde sich impfen lassen, hat gelogen und sich der Urkundenfälschung schuldig gemacht, für die er 2023 auch rechtskräftig verurteilt worden ist – zu einer Busse von 40td CHF. Der Zeitpunkt der Bekanntmachung, vier Wochen vor Beginn der Heim-WM, ist nicht freiwillig. Die Geschichte drohte in der Presse öffentlich zu werden. Fischer erklärte dabei zudem: „Bis auf diesen Vorfall habe ich mich immer ans geltende Recht gehalten und bin mir meiner Vorbildrolle bewusst. Es tut mir sehr leid, wenn ich mit dieser Situation Menschen enttäuscht habe.“
Wie mittlerweile klar wurde, ist auch das unwahr. Er war zum Zeitpunkt seiner Verurteilung bereits auf Bewährung. Im März 2020 wurde er zu einer bedingten Geldstrafe von 25 Tagessätzen zu je 440 Franken, also zu 11’000 Franken, für eine Geschwindigkeitsübertretung verurteilt.
Die Konsequenz?
Das Dilemma ist riesig. Denn genau so, wie Bichsel sich bewusst sein muss, dass er wegen seiner nicht befolgten Aufgebote nicht nur bei der Verbandsspitze anstösst, sondern auch die Spieler ihn sanktioniert sehen wollten, so stellt sich die Frage, wie die Gruppe wohl über all diese „Commitments“ denkt, nach dem nun alles offen liegt. Bichsel meint, er hätte wenigstens nie gelogen… Ganz abgesehen vom enormen Risiko, das Fischer für sich persönlich und die Mission Olympia eingegangen ist. Man stelle sich vor, er wäre damit in Peking aufgeflogen…
Wie bei all der Unruhe eine fokussierte gute Heim-WM gespielt werden soll – und wie dabei auf Fischer geblickt werden wird, kann ich mir noch gar nicht vorstellen. Und wo das eröffnete Verfahren des IHF noch hinführen wird, ist offen. Die Sache legt sich nicht so leicht zu den Akten, wie es der Schweizerische Verband sich wünscht. Und wenn nun die Protagonisten, die beim jungen Talent so rigorose Konsequenzen gefordert haben, hier Verjährung, Strafverbüssung und Blick nach vorn anmerken, wird die Moral eine doppelte, obwohl die beiden Fälle Fischer und Bichsel nicht wirklich vergleichbar sind. Sagt sogar Bichsel. Aber die zuvor vorgelebte Konsequenz des Oberleithammels fällt nun der ganzen Gruppe auf die Füsse.
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Persönliche Anmerkung: Es geht bei der Problemstellung ganz dezidiert nicht um die persönliche Einstellung zum Impftema. Hier geht es um ein Führungsproblem, weil es um Glaubwürdigkeit geht und wie man die definieren mag. Der Verfasser hat selbst eine durchaus kritische Einstellung zu den Covid-Ereignissen und dem Nachdruck der damaligen Impfkampagnen. Aber hier geht es um das Dilemma, wie damit „senkrecht“ umgegangen werden kann. Und man kann auch die Frage stellen, wie sich jene Spieler fühlen mögen, die unter dem Druck, dabei sein zu wollen, sich wider die innerste Überzeugung eben haben impfen lassen. Waren sie dabei allein? War das Thema mit dem Coach?
Kategorien: Eishockey, Meinung und Debatte
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