Bleib' hartnäckig, Sascha!
Morgen steigt der Männerfinal in Roland Garros unter einer Affiche, die wohl kaum jemand vorausgesagt hätte: Alexander „Sascha“ Zverev greift ein weiteres Mal nach seinem ersten Grand-Slam-Titel.
Die unverhoffte Chance
Aufgrund der erdrückenden Überlegenheit von Jannik Sinner in den vergangenen Monaten hat kaum jemand an dessen nächstem Triumph bei einem Major gezweifelt – zumal sein Antipode Carlos Alcaraz verletzungsbedingt passen muss. Doch es ist anders gekommen. Ganz anders. Sinner hat der Hitze Tribut gezollt und bereits in der zweiten Runde verloren. Seither sind alle Augen auf Zverev gerichtet, der zuvor neunmal in Folge gegen Sinner in den Endphasen grosser Turniere verloren hat.
Die Geschichte des Deutschen ist die einer grossen Karriere, die von epischen Niederlagen geprägt ist. Wer von Zverev spricht, erwähnt nicht zuerst seine Turniersiege oder die Jahre, in denen er sich stabil in den Top 5 der Weltrangliste behauptet hat. Er ist der Poulidor des Tennis, das Pendant zur Schweizer Eishockeynationalmannschaft: ein grandioser Zweiter.
Warum Alexander Zverev sowieso ein Sieger ist
Diese Zeilen schreibe ich bewusst VOR dem morgigen Final. Die Konstanz, die Zverev trotz der vielen persönlichen Widerstände zeigt, ist bemerkenswert. Die mentalen Herausforderungen – er spricht über sie, zeigt, dass er sich ihnen stellt. Das ist Mut. Dass er das Handicap seiner Diabetes als Spitzensportler kaum je zum Thema macht, ist reine Grösse. Dabei ist es enorm. Zverev spricht nur davon, wenn er darauf angesprochen wird – und dann mit dem Ziel, anderen mit demselben Handicap ein Beispiel zu sein.
Zverev hat in seinem Spiel alles, was er für einen Grand-Slam-Sieg braucht. Wie oft er bislang gescheitert ist, ändert daran nichts. Und das gilt auch für morgen.
Der Ausgang des Finals ist in jedem Fall einzigartig
Mit Flavio Cobolli wartet DER Aufsteiger dieser Saison auf ihn, ein Spieler, der dem ersten möglichen Grand-Slam-Triumph des Deutschen die Vorstellung entgegensetzt, wie er die bemerkenswerte Erfolgsgeschichte des italienischen Tennis weiterschreiben kann – wer hätte gedacht, dass im Halbfinal von Paris ohne Sinner zwei Italiener stehen würden?
Wer auch immer gewinnt: Es war ein wunderbares Turnier, in dem man weniger von Abwesenden oder Ausgeschiedenen sprechen muss, als dass man begeistert die neuen Impulse geniesst, die gesetzt werden. Und mittendrin steht Zverev, dem ich wünsche, dass seine Leistung dauerhaft gewürdigt wird. Ich kenne eigentlich niemanden, der ihm den Erfolg nicht gönnen würde. Und jene, die den Finaleinzug allenfalls kleinreden mögen, erinnere ich an Roger Federer: Er hat seinen Traum, alle vier Grand-Slam-Turniere zu gewinnen, wahr gemacht, indem er eine vorteilhafte Konstellation nutzte. Kaum jemand spricht heute darüber, was dafür nötig war – und wie hart die mentale Herausforderung für ihn trotz oder gerade wegen der günstigen Voraussetzungen bis zum Schluss war.
Die Erinnerung an 2022
Zverevs Karriere wird weitergehen. Aber ich wünsche ihm, dass Roland Garros ihm etwas zurückzahlt: Vor ein paar Jahren, bei den French Open 2022, spielte er im Halbfinal gegen Rafael Nadal das Tennis seines Lebens und war in einem komplett ausgeglichenen Spiel (6:7 6:6) phasenweise der Bessere – bis er sich auf Court Philippe-Chatrier am rechten Sprunggelenk verletzte und aufgeben musste. Nicht der Kopf und nicht der Organismus schwächten ihn, sondern ein unglücklicher Sturz. Auch das muss er vergessen, ausblenden, wenn er morgen zu seinem vierten Major Final antritt und bestimmt mit viel Applaus empfangen wird.
Wenn er hochsieht, kann er den Satz lesen, der wie gemalt ist für seine Karriere:
„Victory belongs to the most tenacious.“
Kategorien: Tennis, Persönlichkeit
Kommentare
Charly Uetly #
Lieber Autor, einen beseren „Riecher“ für den richtigen Artikel zur richtigen Zeit kann man nicht hinbekommen, wie dieser Darstellung von Sascha Zverev vor dem Paris Open.
Die heutige Schlagzeile von ntv.de „So verdient – Tennis-Idole feiern Alexander Zverev“ würdigen den beschriebenen Sachverhalt im Artikel.
Persönlich eher ein „On – Off – On“ Supporter von Zverev, war heute meine Sympathie ganz bei Zverev. Nachdem das verrückte F1 Rennen in Monte Carlo vorbei war und Zverev immer noch gespielt hat, drückte ich sogar beide Daumen für ihn. Einen grossen pekuniären Einsatz hätte ich jedoch am Ende vom vierten Satz nicht riskieren wollen. Zu sehr schien das Risiko real, dass Zverev mal wieder ins Leere greifen würde.
Nun er hat es geschafft, und „nur“ schon mit diesem Sieg in Roland Garros wird er ab jetzt unwiderruflich zu einer Lichtfigur in Tennis-Deutschland. Nicht aufgeben kann von heute auf morgen zu einem strahlenden und anhaltenden Siegerbild führen. Und Erfolg setzt ja bekanntermassen immer neue Motivation und super Kräfte frei. Daher sind die Chancen intakt, dass Zverev ab jetzt weitere Grand Slam Titel holt.
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