Besonders beeindruckend ist die Schweizer Kontinuität
Der aktuelle Grosserfolg der Schweizer Nati ist über den Moment hinaus so erfreulich, weil er kein Zufallsprodukt ist, sondern das Ergebnis einer steten Entwicklung. Das macht – unabhängig vom Resultat heute Nacht – auch zuversichtlich für die Zukunft.
Die WM 1994 in den USA waren schon ein Highlight.
Viele Fans der Schweizer Nati werden sich in diesen Tagen vor allem auch an 1994 unter Roy Hodgson zurück erinnern. Es war die erste Endrunde, welche die Schweiz seit 1966, seit 28 Jahren, wieder erreichte, dazwischen hatte man sämtliche WM- und EM-Endrunden verpasst. Besonders krass: Nach Hodgson versuchten sich in fünf Jahren fünf verschiedene Trainer.
Diese Tabelle zeigt, welche Bedeutung der dann folgenden Weichenstellung zukam:
| Trainer | Amtszeit | Hinweis |
|---|---|---|
| Roy Hodgson | 01/1992 – 11/1995 | Bis nach der EM-Qualifikation 1996 im Amt. |
| Artur Jorge | 01/1996 – 06/1996 | Kurzzeit-Amtszeit nach Hodgson. |
| Rolf Fringer | 08/1996 – 07/1997 | Übernahm nach Jorge, verpasste WM-Qualifikation 1998. |
| Gilbert Gress | 08/1998 – 12/1999 | Entlassen nach verpasster EM-Qualifikation 2000. |
| Hanspeter Zaugg | 01/2000 – 12/2000 | Interimstrainer als Übergangslösung nach Gress. |
| Enzo Trossero | 01/2001 – 04/2001 | Kurz im Amt, danach Ablösung durch Köbi Kuhn. |
| Köbi Kuhn | 06/2001 – 06/2008 | Führte die Nati zu mehreren EM- und WM-Endrunden. |
| Ottmar Hitzfeld | 08/2008 – 07/2014 | Trainer bei den WM-Endrunden 2010 und 2014. |
| Vladimir Petkovic | 09/2014 – 07/2021 | Sehr erfolgreiche Ära mit EM 2016, WM 2018, EM 2021. |
| Murat Yakin | Seit 09/2021 | Aktueller Nationaltrainer. |
Die Ära Köbi Kuhn
Jakob „Köbi“ Kuhn ist über seinen Tod hinaus auf Grund seiner sportlichen Leistungen als Spieler und seiner Vorbildfunktion als Captain, väterlicher Trainer und bescheidener Mensch unvergessen. Wir verdanken ihm und seinem Team einen Grossteil der erfolgreichen Weichenstellung:
Federführend im Verband waren Hansruedi Hasler, Technischer Direktor des SFV und Ernst Lämmli, der Delegierte der Nationalmannschaften. Sie setzten die Beförderung von Köbi Kuhn im Verband durch, vom U21-Trainer zum Cheftrainer des A-Teams, und an dessen Seite wirkte als Assistent über Jahre Michel Pont als wichtiger Co-Trainer und taktischer Begleiter der Nati. Hansruedi Hasler hat in diesen Jahren eine ganz besondere Arbeit für die strukturelle Entwicklung der Nationalmannschaften geleistet. Mit der Qualifikation für die EM 2004 in Portugal begann die Phase, in welcher sich die Schweiz regelmässig für Endrunden zu qualifizieren begann.
Die Schweiz qualifizierte sich für Endrunden, oder richtete sie selbst aus (EM 2008 mit Österreich), lieferte an den Endrunden selbst aber nur einzelne Highlights – wie den 2:0 Sieg gegen Togo in Dortmund 2006 vor 50000 Schweizer Fans – aber wir waren nun immer wieder dabei und die Eigenwahrnehmung wurde laufend positiver.
Ottmar Hitzfeld
Dass ein Welttrainer wie Hitzfeld mit all seiner Erfahrung das Amt übernahm, gab nochmals zusätzliche Identifikation. Unvergessen bleibt die „unvollendete Symphonie“, als die Schweiz 2014 an der WM Argentinien im Achtelfinal erst in der Verlängerung durch ein spätes Tor in der 118. Minute 0:1 verlor – und dabei in der 120. Minute durch einen Kopfball von Dzemaili an den Pfosten beinahe noch ausgeglichen hätte.
Vladimir Petkovic
Auf Hitzfeld folgte mit Petkovic eine weitere Trainerpersönlichkeit, die zudem mit der eigenen Herkunft die besonderen Gefühle vieler Spieler aus ihrer ursprünglichen Heimat zu adaptieren wusste. Petkovic hat der Schweiz noch mehr als Hitzfeld eine Spielweise verordnet, in welcher die Schweiz durchaus den Ball wolllte und aktiv nach vorne zu spielen begann. Unvergessen bleibt der Sieg gegen Frankreich im EM-Achtelfinal im Elfmeterschiessen, und das sehr gute Spiel gegen Spanien (Niederlage im Elfmeterschiessen im Achtelfinal an der WM 2018, nach langem Spiel in Unterzahl). Die Schweiz will sich nun nicht mehr nur für Endrunden-Turniere qualifizieren. Sie will die Gruppenphase gewinnen oder mindestens überstehen – und sie will Playoff-Spiele gewinnen.
Murat Yakin
Selbst ein Secondo, selbst ein Nationalspieler, und die Verkörperung eines Schweizer Fussballers, der sein Amt mit Stolz ausfüllt. Es ist Yakin immer gelungen, glaubhaft seine Verbundenheit mit diesem Team auszudrücken und in seiner Nominierung die Wertschätzung zu sehen, die ihm sein Heimatland erweist. Damit hat er wirklich alle Spieler aller ursprünglichen Nationalitäten mit im Boot, und die Professionalisierung im Verband bedeutet die bestmögliche Unterstützung. Mit Peter Knäbel hat der SFV einen Präsidenten, der für strukturelle Arbeit steht wie seinerzeit Hansruedi Hasler, und mit Mirko Jurendic kommt ein Fachmann mit menschlicher und fachlicher Kompetenz in der Entwicklung von Mannschaften und Vereinsstrukturen hinzu, der optimal mit ihm zusammenarbeiten wird.
Also ist es Zeit, heute Nacht bei der Revanche gegen Argentinien mitzufiebern und sich, unabhängig vom Ausgang, auf die Zukunft zu freuen. Das aktuelle Team ist auf dem Zenit – es wird Umbrüche geben, und das Reservoir in der Schweiz ist bestimmt nicht das grösste – aber die Strukuren sollen dabei helfen, dass die Talente nicht nur entdeckt, sondern auch gefördert werden. Der aktuelle Erfolg ist kein Zufall, aber er wird für einen kleinen Verband wie die Schweiz auch nie selbstverständlich werden. Die Verantwortlichen wissen das und arbeiten entsprechend.
Kategorien: Fussball, Persönlichkeit
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