Arthur Ashe bleibt aussergewöhnlich
Dieser Text handelt nicht von einem Tennisspieler, der zufällig ein aussergewöhnlicher Mensch war. Er handelt von einem aussergewöhnlichen Menschen, der zufällig einer der besten Tennisspieler seiner Zeit war.
Besondere Erfolge eines herausragenden Charakters
Arthur Ashe gewann Grand-Slam-Turniere. Er führte die Tennisweltrangliste an. Er spielte Davis Cup und wurde in die Hall of Fame aufgenommen. Aber das grösste Tennisstadion der Welt ist nicht deswegen nach ihm benannt. Der Respekt vor diesem Mann geht über einzelne magische und tragische Momente in seinem Leben hinaus: Arthur Ashe steht für die Bescheidenheit, mit welcher eigener Erfolg und Misserfolg eingeordnet werden kann, für den Gleichmut, der selbst Ungerechtigkeit nicht die Macht gibt, den eigenen Charakter einzuengen, für den Mut, stigmatisierender Krankheit öffentlich entgegen zu treten und die Demut, das eigene Schicksal ohne zu hadern annehmen zu können. Arthur Ashe wurde nur 49 Jahre alt. Aber sein Umgang mit seinem Leben kann uns jederzeit weiter und neu inspirieren.
Schwarz in eine weisse Welt hinein geboren.
Der kleine Junge entdeckt in einem öffentlichen Park mit hohen Bäumen und Tennisplätzen seine Begeisterung für den weissen Sport, der sein Leben prägen wird. Sein Vater ist hier in Richmond, Virginia, Platzwart der Anlage. Doch seinem Sohn steht nicht jeder Platz offen.
Amerika lebt in den vierziger und fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts mit grosser Selbstverständlichkeit eine gesetzlich verankerte Rassentrennung. Manche Türen und Portale bleiben verschlossen. Herkunft ist wichtiger als Leistung und Talent. Wie muss es sein, als Kind zu erleben, dass Regeln existieren, die einem selbst jegliches Können absprechen? Wir wissen nicht, wie schwer es für den kleinen Arthur wirklich war. Aber wir wissen , wie er später durchs Leben ging. Ohne Bitterkeit. Mit leisen Tönen, bedachten Worten, versöhnlichen Gedanken. Ohne Hass. Und mit dem Dank für das Glück, den richtigen Förderern begegnet zu sein.
Manchmal wird die Grösse genau dort sichtbar, wo Menschen früh lernen, dass sich die Welt nur zäh verändern lässt, während wir frei sind, die Art zu prüfen, wie wir ihr begegnen wollen.
Auch auf dem Tennisplatz ein Denker
Arthur Ashe besass reichlich Talent. Herausragend war aber nicht ein besonderer Schlag, sondern wie strategisch er spielte, als sässe er am Schachbrett. Jeder gespielte Ball schien eine besondere Absicht zu haben. Jeder Schlag war Teil eines grösseren Plans.
1968 gewann er die US Open und den Davis Cup. 1970 triumphierte er an den Australian Open. Doch der Höhepunkt sollte noch folgen: Fünf Jahre später, am 1. Juli 1975, stand er im Finale von Wimbledon.
Jimmy Connors der haushohe Favorit
Auf dem Centre Court wartet Jimmy Connors. Jung. Dominant. Selbstbewusst. Mit manchmal fast brachialen, meist flachen, schnellen Schlägen. Fast jeder Experte erwartet einen klaren Sieg von Connors. Doch Arthur Ashe verweigert Connors das Spiel, das dieser erwartet.
Keine Kraftduelle. Keine endlosen Grundlinienschlachten. Ashe verändert ständig das Tempo. Er spielt die Bälle mit viel Slice, greift überraschend an. Er nimmt Risiko heraus, nur um im nächsten Moment zuzuschlagen. Mit jedem Spiel wirkt Connors unruhiger. Mit jedem Seitenwechsel scheint Arthur Ashe noch ruhiger zu werden. Am Ende gewinnt an diesem Tag nicht der Stärkere, sondern der Klügere. Dieser dritte und letzte Grand Slam Sieg ist sinnbildlich für Arthur Ashes Art zu überzeugen. Der Erfolg stellt sich nicht ein, weil man brachialer als das Gegenüber agiert, sondern weil man es verstehen will und verstehen lernt.
Bekanntheit als Verantwortung
Viele Spitzensportler geniessen ihre Popularität. Arthur Ashe war sie auch eine Verpflichtung.
Er engagierte sich gegen die Apartheid in Südafrika, setzte sich für Bildung ein und sprach über soziale Ungerechtigkeit. Aber er polarisierte nicht. Er suchte keine Schlagzeilen und keinen Applaus. Er wollte verstehen und warb um Verständnis. Auf beiden Seiten. Aber er sprach gerade dann, wenn schweigen bequemer gewesen wäre. Das verschaffte ihm Gehör. Arthur Ashe glaubte an die Kraft des Gesprächs, um mit ihr Konfrontationen und Demütigungen zu überwinden. Wie sehr würden wir ihn heute brauchen!
Die schwerste Prüfung, der härteste Kampf
Es gibt Gegner, gegen die kein Training hilft. 1979 erleidet er, 36jährig, einen Herzinfarkt. Mehrere Herzoperationen beenden Arthur Ashes Karriere früher als geplant. Wenig später erhält er eine Diagnose, die Anfang der neunziger Jahre fast zwangsläufig Angst und – erneut – gesellschaftliche Ausgrenzung bedeutet.
HIV.
Infiziert durch eine Bluttransfusion während einer Operation. Als ihm klar wird, dass Journalisten seine Situation öffentlich machen wollen, tritt er selbst vor die Kameras.
Er will kein Mitleid. Er will aufklären. Bis dahin war Arthur Ashe ein berühmter Tennisspieler.
Nun wird er zu einer Persönlichkeit, die über Hoffnung, Verantwortung und Menschlichkeit mit derselben Ruhe spricht, mit der er früher Wimbledon-Finals spielte. Und er setzt damit ein Beispiel gegen die stigmatisierenden Vorurteile, welche HIV-Kranke zu ertragen haben. Seine Krankheit nimmt ihm die Gesundheit, aber sie macht die Würde dieses Menschen um so sichtbarer.
Einer seiner bekanntesten Gedanken bringt seine Lebenshaltung auf bemerkenswerte Weise zum Ausdruck. Sinngemäss sagte er:
Wenn ich Gott nach meinem Wimbledon-Sieg nie gefragt habe: „Warum gerade ich?“, dann kann ich dieselbe Frage auch in Zeiten der Krankheit nicht stellen.
Arthur Ashe hat weder Gott noch die Menschen angeklagt. Er hat Demut und Dankbarkeit gelebt, seine Bescheidenheit nie verloren und die Orientierung auf seine inneren Werte bewahrt – und noch weiter geschärft.
Was von Arthur Ashe bleibt
Arthur Ashe starb 1993. Er wurde nur 49 Jahre alt. Das grösste Tennisstadion der Welt in Flushing Meadows trägt seinen Namen. Das ist eine verdiente Ehrung – und vielleicht auch eine leise Entschuldigung dafür, dass nicht noch mehr getan wurde, um die Anliegen dieses besonderen Menschen zu den Anliegen der ganzen Gesellschaft zu machen:
Sein eigentliches Vermächtnis liegt nicht in Beton, Glas und Stahl. Es lebt weiter in seiner Haltung, seinem Beispiel. Bildung befriedigt keine Eitelkeiten, wenn sie das Herz mit einschliesst. Bescheidenheit ist keine Zier, kein Zeichen von Schwäche, sondern die Demut, die den Erfolg einschätzen kann. Würde bleibt auch dann möglich, wenn das Leben Krankheit bereit hält und ungerecht erscheint. Menschen gehören nicht daran gemessen, was ihnen widerfährt, sondern daran, wie sie darauf antworten. Wenn Arthur Ashe auch heute noch Strahlkraft besitzt, heisst das, dass sein Beispiel nachgeahmt werden möchte.
Seine Geschichte reduziert sich weder auf seine Herkunft noch auf seine Titel. Sie erzählt von einem Menschen, der niemals zuliess, dass äussere Umstände bestimmten, wer er sein wollte.
Deshalb war Arthur Ashe nicht einfach ein grosser Sportler. Er war und bleibt eine grosse Persönlichkeit.
Nicht was uns widerfährt, sondern was wir daraus machen, bestimmt unser Leben.
— Karl Jaspers
Kategorien: Tennis, Persönlichkeit
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