1. FC Union Berlin - Aufbruch oder Schiffbruch?
Die Sommerhitze wird absehbar ein Ende haben. Die WM ist Geschichte, die FIFA wird weiter streiten. In der Schweiz und in Österreich wird bereits wieder Profi-Fussball gespielt, in Deutschland holen sie noch Anlauf – ein ganz besonderer Start könnte es für Union Berlin werden…
Die Vorstellung
Das war eine ganz besondere Pressekonferenz, an welcher Sportmanager Horst Heldt den neuen Trainer Mauro Lustrinelli vorgestellt hatte. Die ersten drei Stunden habe man über alles mögliche geredet, über Gott und die Welt und sich über die verbindenden Werte schnell gefunden – ohne ein einziges Mal über Fussball zu reden. Lustrinellis Stimme war auch anzuhören, wie sehr er sich von Anfang an wohl und willkommen fühlte im Verein und bei den Menschen, die ihm vorstehen werden, und Heldt hat gar nicht aufhören können, übers ganze Gesicht zu strahlen.
Der Leistungsausweis könnte nicht besser sein
Nun ist Lustrinelli mit dem FC Thun tatsächlich Ausserordentliches gelungen. Mit einem Aufsteiger in einer Europäischen Profiliga gleich Meister zu werden, das ist märchenhaft – und mit ganz viel Arbeit verbunden, mit Überzeugungskraft auch und mit einer Hartnäckigkeit und Detailversessenheit, die jede Woche weiter gepflegt wird. Lustrinelli hat seine Geschichte hinter sich, und sein ganzes Trainerteam nach wie vor bei sich. Er hat keinen Grund, an der Richtigkeit seiner Ideen zu zweifeln, und er wird darin ganz bewusst noch gestärkt – von einem Verein, der endlich nicht nur von den Resultaten her respektiert werden möchte, sondern auch für seine Art, Fussball zu spielen.
Zur Kampfbereitschaft soll die Spielfreude kommen
Nach Urs Fischer sind mit Bo Svensson und Steffen Baumgart zwei Trainer verpflichet worden, welche auf der stabilen Ordnung des Schweizers aufbauen und auf ähnlichen Prinzipien die Mannschaft weiter entwickeln sollten. Daran sind beide gescheitert. Der 1. FC Union Berlin kämpft nach wie vor Bundesliga, das Spielen bleibt eine Kunst.
Horst Heldt, Geschäftsführer Profifussball, und Präsident Dirk Zingler wollen, dass sich die Mannschaft auch spielerisch entwickelt und glauben, diesen Wunsch auch an der Basis des grössten Sportvereins von Berlin mit mehr als siebzigtausend Mitgliedern ausgemacht zu haben. Zweifler weisen darauf hin, dass vor allem das offensive Personal qualitativ nicht ausreicht – und die Defensive nach Abgängen sich noch nicht gefestigt hat. Ich kann mich erinnern, wie skeptisch man die Chancen von Thun in der obersten Liga sah – mit einem kaum veränderten Kader…
Menschenführung
Hier noch eine Erinnerung: Als Lustrinelli ins Sportpanorama, die Sonntagabend-Sportsendung von SRF, eingeladen und nach seinem Rezept gefragt wurde, wie es ihm gelungen sei, so viele Spieler zu dieser Einheit zu formen, wurde viel von Menschenführung gesprochen. Mit den Sätzen, die dann halt so fallen. Als der Moderator Salzgeber insistierte, gab es eine Pause, und dann meinte Lustrinelli, dass man sich die Zeit nehmen müsse. Für Spieler greifbar sein, Zeit für sie haben – es ist jenseits aller Worte und Argumente ein Ausdruck der Wertschätzung, die der Chef für seine Angestellten haben kann. Hoffentlich. Auch in der viel kurzatmigeren Bundesliga? Lustrinelli ist ein ganz anderer Typ als Fischer. Aber eine gewisse Unaufgeregtheit gegenüber äusseren Umständen haben beide.
Wie viel Resilienz wird aufgebracht werden müssen?
Letzte Saison haben Lustrinelli die Resultate sofort in die Hände gespielt. Der Start für Thun war grossartig. Anschliessend haben ihm die Spieler alles geglaubt. Wie wird es sein, wenn es holperig beginnt? Er hat – in der zweitklassigen Challenge-League in der Schweiz zuvor auch schwierige Phasen erlebt und wurde gestützt…
Die Union-Führung beteuert, dass sie sich bewusst ist, dass es am Anfang rumpeln könnte, der Start schwierig werden dürfte. Sie dürften auch das Startprogramm von Union Berlin im Kopf haben…:
Das Startprogramm hat es in sich
Am 23. August spielt man im DFB-Pokal auswärts gegen Braunschweig, das bereits im Ernstkampf-Rhythmus sein wird.
Dann beginnt die Bundesliga: Union spielt zu Hause gegen Frankfurt, auswärts gegen Leverkusen, daheim gegen Schalke, und dann geht es zu den Bayern… Es gibt einfachere Startprogramme…
Ich bin gespannt, wie die Berliner unter dem Druck der Ernstkämpfe die Mannschaft wahrnehmen werden und wie viel Rückhalt Lustrinelli auf Dauer bekommen wird. Wenn es gelingt, dann könnte Union Berlin ähnlich wie Augsburg auf seine eigene Weise ein Gesicht der Bundesliga werden – mit eigener Politik, einem vergrösserten Stadion und einer nach und nach auch drumherum verbesserten Infrastruktur. Den Support, den der Verein bei seiner Basis für all diese Aufgaben geniesst, ist in jedem Fall legendär. Und Lustrinelli und sein Trainerteam passen menschlich garantiert dahin. Hoffentlich auch sportlich!
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Kategorien: Fussball, Persönlichkeit
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